Theoretischen_Grammatik


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1

W.A. Michailenko


Vorlesungen in der theoretischen Grammatik der deutschen Sprache für die
Studenten der Fachrichtung Deutsch (4. Studienjahr)


§ 1


Der Gegenstand
der theoretischen Grammatik. Ihre Stellung unter den
linguistischen Disziplinen


1.

Die Vieldeutigkeit und der Ursprung des Fachwortes "Grammatik";

2.

Die Aufgaben der theoretischen Grammatik;

3.

Die Gliederung der Grammatik in der modernen Sprachwissenschaft;

4.

Der
Gegenstand der Morphologie;

5.

Der Gegenstand der Syntax;

6.

Die Verbindung der Grammatik mit anderen linguistischen Fächern;

7.

Das Experimentieren in der Grammatik.


Literaturverzeichnis


Abramow B.A
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Теоретическая

грамматика

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D
as Wort "Grammatik" ist mehrdeutig. Einerseits ist die Grammatik die Lehre
vom grammatikalischen Bau der Sprache. Unter dem grammatikalischen Bau der
Sprache versteht man die Gesamtheit, das System der Formen einer Sprache.
Andererseits wird unter dem Fac
hbegriff "Grammatik" eben dieses System der
Formen einer Sprache verstanden. Mit anderen Worten, es wird unter dem
grammatischen Bau einer Sprache die Gesamtheit der grammatischen Einheiten
dieser Sprache und der Regeln ihrer Verwendung verstanden: "Die Ge
samtheit
dieser Formen (einer Sprache) bildet eben das, was man gewöhnlich als die

"Grammatik" oder den "grammatischen Bau" der Sprache bezeichnet. (Eine
andere Bedeutung des Wortes " Grammatik" ist die theoretische oder praktische
Lehre von dem
grammatischen Bau der Sprache) (Admoni, 1986, 7).


Das Wort "Grammatik" ist griechischer Herkunft, kommt vom Wort
γράμμα" Buchstabe", u.z. von der Pluralform τα γράμματα "Wissenschaften,
Literatur; Aufschrift" und bedeutet "die Kunst zu schreiben". "Die ersten
griechischen Grammatiken waren von rein praktischer Natur: das Ziel der
Grammatik bestand darin, orthograph
isch und stilistisch richtig schreiben zu
lehren.


Die Schulgrammatik von heute verfolgt eigentlich ähnliche Ziele,
insbesondere die Grammatik der Muttersprache. Die praktische Grammatik einer
Fremdsprache setzt sich zum Ziel, nicht nur schreiben, sondern
auch richtig
sprechen zu lehren. Aus diesem Grunde enthält die praktische Grammatik eine
Reihe von Regeln, die durch Übungen gefestigt werden" (Gulyga 1970, 5).

M. Bierwisch hebt die Zielsetzung der Schulgrammatik folgenderweise hervor:
"…sie is
t nicht auf eine Klassifizierung der formalen Erscheinungen eines
gegebenen Corpus (der Ausdrücke einer Sprache
-
W.M.) gerichtet, sondern auf
die Regeln, nach denen alle richtigen Sätze einer gegebenen Sprache zu bilden
sind. Andererseits ist ihr Anspruc
h beschränkter: Sie erstrebt nicht die Erfassung
a l l e r in konkreten Texten auftretenden Ausdrücke, sondern nur die der
grammatisch richtigen. Sie involviert also eine gewisse Idealisierung"
(Bierwisch, 1971, 4). E.J. Schendels betont die inhaltliche V
erbundenheit der
Grammatik in deren zwei Bedeutungen: "Man unterscheidet Grammatik als
einen Bestandteil des sprachlichen Systems und Grammatik als Wissenschaft
von diesem Bestandteil. Beide Bedeutungen sind auseinanderzuhalten, obwohl
sie inhaltlich verbu
nden sind" (Schendels, 1982, 5).


3


Was die theoretische Grammatik einer konkreten Sprache anbetrifft, dürfte
sie "als Ergebnis der Anwendung einer allgemeinen grammatischen Theorie auf
diese Sprache aufgefasst werden. Das setzt voraus, dass in der theoretis
chen
Grammatik einer Sprache am Beispiel dieser Sprache das dialektische Verhältnis
des Allgemeinen, des Einzelnen und des Besonderen, das Verhältnis zwischen
Denken und Sprechen, zwischen Wesen und Erscheinung, zwischen Inhalt und
Form, zwischen Objektive
m und Subjektivem stets aufgedeckt und gezeigt
werden soll" (Abramow 2001, 13). E.W. Gulyga definiert die Aufgabe der
theoretischen Grammatik folgendermaßen: "Die Aufgabe der theoretischen
Grammatik besteht vor allem darin, die Grammatik als ein System dar
zustellen.
Die grammatischen Formen bilden ein System von Beziehungen, und die
theoretische Grammatik erschließt diese Beziehungen sowie die Beziehungen
zwischen den grammatischen Formen und deren Inhalt" (Gulyga, 1970, 5).


Die theoretische Grammatik hat
es mit verschiedenen Auffassungen von
dies oder jener sprachlichen Erscheinung zu tun, und der Germanistikstudent
bzw. der Deutschlehrer muss zu den Streitfragen der theoretischen Grammatik
der deutschen Sprache Stellung nehmen.


B.A. Abramow hat die Aufg
aben der theoretischen Grammatik als der zu
unterrichtenden Disziplin folgendergestalt dargelegt:


"1) die Einheiten des grammatischen Baus sowie die Regeln ihrer
gegenseitigen Verknüpfung und ihres Funktionierens aufzuzeigen, ihr Wesen zu
erkennen und zu
beleuchten;

2) ihre Beziehungen zu den Einheiten anderer Komponenten des
Sprachsystems mit in Betracht zu ziehen;

3) die wichtigten Konzeptionen kritisch zu besprechen;

4) die Ursachen der wesentlichen Unterschiede in d
er Darstellung des
grammatischen Baus durch die einzelnen Autorinnen und Autoren kritisch und
möglichst objektiv zu erklären;

5) die Fähigkeit der Studierenden, logisch zu denken und zu analysieren,
zu vervollkommnen" (Abramow, 2001,15).


Zu de
n Teildisziplinen der theoretischen Grammatik gehören
Morphologie, Syntax und Textgrammatik.


"Gegenstand der Morphologie ist das Wort und seine grammatischen
Eigenschaften.


In den Bereich der Morphologie gehören:

1.

die Lehre von den Wortarten, ihrer Gliede
rung und ihren grammatischen
Eigenschaften;

2.

die Paradigmatik der Wortarten (die Lehre vom Formensystem flektierender
Wortarten);

3.

die Lehre von den grammatischen Kategorien flektierender Wortarten"
(Moskalskaja, 1983, 40).


4

Als zentrale Einheit der Syntax wi
rd von O.I. Moskalskaja "der Satz als
minimale Einheit der Rede" angesehen: "Die Syntax ist die Lehre vom Aufbau
der zusammenhängenden Rede.

Während die Morphologie nur eine Einheit der Sprache, und zwar das Wort
untersucht, hat die Syntax mit drei Einheit
en verschiedenen Rangs zu tun: mit
der Wortgruppe, dem Satz und dem Text.

Die zentrale Einheit der Syntax ist der S a t z als minimale Einheit der Rede.
Das ist die minimale sprachliche Einheit, in der unsere Gedanken geprägt und
ausgedrückt werden können
und die minimale sprachliche Einheit, mit deren
Hilfe die Menschen miteinander kommunizieren. In dieser Eigenschaft fungiert
der Satz als eine Äußerung. Die Syntax erforscht die Struktur des Satzes, seinen
verallgemeinerten Inhalt (Semantik) und seine gra
mmatischen Kategorien"
(Moskalskaja, 1983, 213).

In den Bereich der Syntaxforschung gehören auch Wortgruppen, "sofern
diese Bausteine eines Satzes sind. Die Wortgruppe ist eine dem Satz
untergeordnete syntaktische Einheit. Sie ist keine selbständige Einhei
t der Rede
und gehört in den Bereich der Rede nur als Segment eines Satzes" (Moskalskaja,
1983, 213). E.J. Schendels rechnet zu den syntaktischen Einheiten drei folgende
Einheiten: das Satzglied, die Wortgruppe und den Satz (Schendels, 1982, 246)
und räumt
dem Text als einer satzübergreifenden Struktur eine Sonderstellung
ein: "Die sprachliche Information erfolgt selten in Form eines einzelnen
Satzes…, meist ist es eine Folge von zusammenhängenden Sätzen, die einen
Text ausmacht" (Schendels, 1982, 383). "So
lche Satzfolgen haben nicht nur ein
gemeinsames Thema der Äußerung, sondern auch eine eigene interne
syntaktische Struktur. Daher betrachtet sie die moderne Spachforschung
ebenfalls als syntaktische Einheiten, und zwar als satzübergreifende
syntaktische
Einheiten höheren Rangs. Mit der Untersuchung des Textes befasst
sich eine neue linguistische Teildisziplin, die Textlinguistik. Die syntaktische
Gestaltung texthafter Satzfolgen ist aber ebenfalls Gegenstand der Syntax"
(Moskalskaja, 1983, 213). E.J. Sche
ndels setzt den Text außerhalb der Syntax:
"Die Syntax besteht aus folgenden Abschnitten:

1.

Die Lehre vom Satz,

2.

Die Wortgruppenlehre,

3.

Die grammatische Lehre vom Text" (Moskalskaja, 1983,
214).




Die Grammatik ist kein geschlossenes System: sie ist mit den a
nderen
Bereichen der Sprache
-
mit dem phonetischen und dem lexikalischen Bereich
verbunden. "Die Grammatik ist schwer von den anderen Bestandteilen der
Sprache zu isolieren, und zwar von der Lexik (dem Wortschatz) und der
Phonetik (dem Lautsystem). Die Gr
ammatik (in beiden Wortbedeutungen) ist
eigentlich eine Abstraktion: sie existiert in der Wirklichkeit nicht eigenständig,

5

sondern offenbart sich an konkreten Wörtern mit einem bestimmten Lautkörper"
(Schendels, 1982, 5). Lebendigem Sprechen legt W.v. Hum
boldt eine große
Bedeutung bei: "Wenn wir gleich gewöhnt sind, von den Lauten zu den Wörtern
und von diesen zur Rede überzugehen, so ist im Gange der Natur die Rede das
Erste und das Bestimmende. In der Wirklichkeit wird die Rede nicht aus ihr
vorangegange
nen Wörtern zusammengesetzt, sondern die Wörter gehen
umgekehrt aus dem Ganzen der Rede hervor" (W.v. Humboldt

Über die Verschiedenheiten des menschlichen Sprachbaues, Schriften 6, 1,
Berlin 1907, 142 f.
-
zit. nach: W. Jung. Grammatik der deutschen Sprach
e.
-

Bibliographisches Institut Leipzig, 1967, 1). Die Grammatik ist mit dem
Lautsystem und den prosodischen Mitteln (Intonation und Wortakzent) eng
verbunden. "Das betonte Präfix wird ja bekanntlich in den bestimmten Formen
vom Verbalstamm abgegrenzt, das
unbetonte dagegen nicht. Das Gesagte kann
am Beispiel folgender Verbpaare veranschaulicht werden:
durch
ziehen
(durchqueren) und durch
ziehen
(durchwandern),
über
setzen (hinüberfahren) und
über
setzen
(dolmetschen) (Abramow, 2001, 14).

Die prosodischen Mitte
l sind konstitutive Elemente des Satzes, so kann
z.B. die Intonation einzelne Wörter zu Sätzen machen, es entstehen sogenannte
Einwortsätze, z.B.: Feuer! Hilfe! Wieso? Die Intonation kann als einziges Mittel
zur Unterscheidung der Sätze nach der Zielstellu
ng auftreten, z.B. Sie werden
sofort aufstehen. (Mitteilungs
-
oder Aussagesatz); Sie werden sofort aufstehen?
(Fragesatz); Sie werden sofort aufstehen! (Aufforderungs
-
oder Heischesatz).
Manchmal können die Intonation und der Kontext gemeinsam auftreten. V
gl.:
"Sie werden sofort aufstehen!"
flüsterte ich ihm leise, aber
befehlend
zu (Zweig,
304).

Die Grammatik ist mit der Lexik in erster Linie durch die Wortbildung
verbunden. Die beiden Sprachbereiche
-
die Grammatik und die Wortbildung
-

verfügen über die
gleichen Mittel
-
Präfixe und Suffixe. Die lexikalischen
Faktoren sind auch bei der Bildung und dem Gebrauch von grammatischen
Formen entscheidend. Das gilt u.a. für den unterschiedlichen Gebrauch des
Artikels mit verschiedenen Klassen der Substantive und
Adjektive, für die
Bildung der Steigerungsstufen der Adjektive und Adverbien, für die
lexikalischen Beschränkungen bei der Bildung der Formen des persönlichen
Passivs, für die Bildung der analytischen Formen des Perfekts, des
Plusquamperfekts und des Infin
itivs II mit dem Hilfsverb "haben" oder "sein".

Die semantische Kongruenz (E. Leisi) spielt eine große Rolle in der
Syntax. Die Nichberücksichtigung dieses Faktors kann zur Bildung von
grammatisch unmarkierten Sätzen führen.

Die allgemeine Situation auf d
em Gebiet der deutschen Grammatik wurde
Mitte des XX. Jahrhunderts als unbefriedigend bezeichnet. Man suchte nach
neuen Wegen bei der Grammatikforschung. In dieser Hinsicht sei das
experimentierende Verfahren des Schweizer Linguisten Hans Glinz, des
Verfa
ssers des in Bern 1952 erschienenen Buches "Die innere Form des

6

Deutschen. Eine neue deutsche Grammatik" zu nennen. H. Glinz setzt sich zum
Ziel, eine neue deutsche Grammatik zu schaffen, dabei will der Sprachforscher
von objektiven, exakten Forschungsmeth
oden Gebrauch machen. H. Glinz stützt
sich auf das Experiment, indem er Verschiebeproben, Ersatzproben und
Weglassproben verwendet. H. Glinz schreibt: "Wir treten mit unserem
Experimentierverfahren an die Sprache heran, ohne die vertrauten Begriffe wie
Sat
z, Wort, Substantiv, Verb, Adverb, Subjekt, Prädikat usw. anzuwenden, ja wir
schalten sie bewusst aus" (Glinz, 1962, 59). Das Wesen des experimentierenden
Verfahrens von H. Glinz besteht in folgendem: " Wir experimentieren… am
sprachlichen Mechanismus wie
ein Chemiker oder Physiker mit seinen Stoffen
oder ein Mechaniker mit seinem Motor: Wir nehmen Teile weg, wechseln sie
aus, stellen sie um, fügen neue hinzu usw., und beobachten bei alledem, was
passiert" (Glinz, 1965, 53).



Beispiel de
r Verschiebeprobe:

Den andern Tag war eben alles wieder verschwunden,

Den andern Tag war eben wieder alles verschwunden,

Den andern Tag war alles eben wieder verschwunden,

Alles war eben den andern Tag wieder verschwunden.

Verschwunden war (eben) den ande
rn Tag wieder alles…

(U.E. könnte man hier auch einige andere Verschiebeproben verwenden: nach
dem 3. Satz: Den andern Tag war alles wieder eben verschwunden,

nach dem 4. Satz: Wieder war alles eben den andern Tag verschwunden.)


Durch die Verschiebeprobe
gliedert H. Glinz den Satz in Wörter und
Wortblöcke, aus denen der Satz unmittelbar besteht; er nennt sie Stellungsglieder
(Glinz, 1962, 85).



Beispiel der Ersatzbeprobe:

Den andern Tag war eben alles wieder verschwunden,


Nun ist leider das schon weg,

Heute schien nun das alles wiederum fort.


Es gelingt H. Glinz durch die Ersatzprobe das Wort abzugrenzen und zu
bestimmen: "Wörter sind unterste auswechselbare Inhaltseinheiten oder
-

moment
e" (Glinz, 1962, 80).



Beispiel der Weglassprobe (
von P. Grebe auch
"Abstrichmethode" genannt
-
Der Große Duden. L., 1962, 434
-
436):

Den andern Tag war….alles wieder verschwunden,

eben


Den ande
rn Tag war…..alles ……. verschwunden

eben wieder



7

Alles war verschwunden.

Verschwunden war alles (Glinz, 1965, 85
-
93).


(U.E. ist der dritte Satz im Beispiel der We
glassprobe eine Kombination der
Weglass
-
und Verschiebeprobe, und der vierte Satz eine Verschiebeprobe).


"Die Verschiebeprobe und die Ersatzprobe zeigen, dass einige Wörter
eine Gruppe bilden und erst als solche Gruppe ein Satzelement sind. Mit Hilfe
d
er Verschiebeprobe und der Ersatzprobe wird das Leitglied (die Personalform
des Verbs) festgestellt, das einwortig, platzfest und nur durch seinesgleichen
ersetzbar ist. Die Weglassprobe zeigt, dass die Hauptglieder nicht weglassbar
sind. Das entscheidend
e Kriterium ist für Glinz die Wortfolge" (Gulyga, 1970,
16).




Die Erkenntnisse, die bei der Anwendung der oben genannten Proben
gewonnen werden, sind in der Methodik des Fremdsprachenunterrichts, unter
anderem, bei der Satzmodellierung von großer praktis
cher Bedeutung.




§ 2



Grammmatische Kategorien


1.

Die grammatische Form und die grammatische Bedeutung;

2.

Die Klassifikation der grammatischen Kategorien nach
W.G. Admoni;

3.

Die synthetischen und analytischen grammatischen Mittel;

4.

Die suppletiven Formen im Deutschen;

5.

Die verbalen analytischen Wortverbindungen als eine besondere Abart der
Verbindungen des Dienst
-
und Vollwortes (die Theorie von M.M. Guchman)





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Im Mittelpunkt der Morphologie stehen grammatische (morphologische)
Kategorien. Unter diesem Fachausdruck versteht man "vorwiegend d
as System
der durch irgendein grammatisches Merkmal verbundenen grammatischen
Formen" (Admoni, 1986, 11). "Als grammatische (morphologische) Kategorien
werden Gesamtheiten (Mengen) von Wortformen gleicher Art angesehen.
Deshalb nennt man z.B. die Gesamthei
t der Kasusformen die Kategorie des
Kasus und die Gesamtheit der Tempusformen die Kategorie des Tempus"
(Abramow, 2001, 22). "Die grammatischen Kategorien sind die in jedem Satz
regelmäßig wiederkehrenden sprachlichen Zeichen besonderer Art, die die
lexik
alischen Zeichen überlagern und die Wörter in der Rede zu einem
sinngemäßen zusammenhängenden Satzganzen, einer Äußerung gestalten"
(Moskalskaja, 1983, 64). Grammatische Kategorien als verallgemeinernde
Begriffe weisen eine grammatische Bedeutung auf und f
inden in der

9

grammatischen Form ihren Ausdruck. Jedes Wort stellt eine Einheit der
lexikalen und grammatischen Bedeutung dar. "Das Wort als lexikalische
Grundeinheit der Sprache hat bekanntlich zwei Funktionen, es b e n e n n t die
Gegenstände un
d Erscheinungen der Wirklichkeit und es

v e r a l l g e m e i n e r t sie" (Schmidt, 1967, 17). Die grammatische
Bedeutung dient zur Bezeichnung der Beziehungen zwischen den Gegenständen
und Erscheinungen der Wirklichkeit u
nd zwischen ihnen und dem Standpunkt
des Sprechers. Aus diesem Grunde nennt W. Schmidt "diese begrifflichen
Inhalte der grammatischen Mittel g r a m m a t i s c h e B e d e u t u n g e n
oder mit Ernst Otto B e z i e h u n g s b e d e u t u n g e n" (
Schmidt, 1966, 27).
"Zum Unterschied von lexikaler Bedeutung, d.h. der Beziehung zwischen einer
sprachlichen Einheit und dem durch sie Bezeichneten, das real oder nur gedacht
sein kann, ordnet die grammatische Bedeutung das Formativ bzw. die Wortform
einer
grammatischen Kategorie zu" (Abramow, 2001, 22). Es gibt verschiedene
Arten von grammatischen Kategorien. Die grammatischen Kategorien werden in
eigentlich grammatische (grammatische Kategorien im eigentlichen Sinne des
Wortes) und lexikalisch
-
grammatisc
he Kategorien eingeteilt. Das Funktionieren
der eigentlich grammatischen Kategorien wird durch die lexikalische Bedeutung
der Wörter nicht eingeschränkt. Dazu gehören die Zahl und das Geschlecht der
Adjektive, der Kasus der Substantive, das Tempus der Verb
en. Das
Funktionieren der lexikalisch
-
grammatischen Kategorien betrifft nur einen Teil
der Wörter der gegebenen Wortart, weil die Bedeutungen nur eines Teils der
Wörter dieser Wortart mit den Bedeutungen der gesamten Wortklasse
kompatibel sind. Zu den lexi
kalisch
-
grammatischen Kategorien gehören die Zahl
der Substantive (nur zählbare Substantive haben die Formen der Einzahl und
Mehrzahl), die Transitivität und das Genus der Verben (genusfähig sind nur
transitive Verben), die Steigerungsstufen der Adjektive
und Adverbien) u.a.
(Gak, 1977, 84). A.M. Peschkowskij unterscheidet objektive und subjektiv
-
objektive syntaktische Kategorien. Die objektiven syntaktischen Kategorien
bringen die "Beziehungen zwischen den Wörtern und Wortgruppen" zum
Ausdruck, während di
e subjektiv
-
objektiven syntaktischen Kategorien das
"Verhalten des Sprechenden selbst zu diesen Beziehungen bezeichnen"
(Peschkowskij, 1956, 89). Auf der von A.M. Peschkowskij eingeführten
Gegenüberstellung von objektiven und subjektiv
-
objektiven syntaktis
chen
Kategorien fußend, teilt W.G. Admoni die grammatischen Kategorien in drei
Gruppen ein:

1)

logisch
-
grammatische;

2)

kommunikativ
-
grammatische;

3)

strukturell
-
grammatische Kategorien.

" Die objektiven Kategorien bringen in verallgemeinerter und abstrahierter
Form
die sich im menschlichen Bewusstsein widerspiegelnden Sachverhalte der
objektiven Wirklichkeit zum Ausdruck (z.B. Akkusativ als Bezeichnung des
Objekts der Handlung, die Kategorie der Zahl). Wir bezeichnen diese Kategorien

10
als "logisch
-
grammatische" (
Admoni, 1986, 11). Zu den logisch
-
grammatischen
Kategorien gehören die Zahl und der Kasus der Substantive, zum Teil die
Steigerungsstufen der Adjektive und Adverbien.


"Den logisch
-
grammatischen Kategorien stehen die Kategorien gegenüber,
welche mit dem Pr
ozess der Sprachkommunikation verbunden sind und ihn
aufzubauen helfen. (z.B. die grammatischen Kategorien der Person, der Zeit, des
Modus)…Wir möchten hier aber einen anderen Terminus gebrauchen, und zwar
den Terminus "kommunikativ
-
grammatische Kategorie
n", da in einigen Fällen
nicht die Einstellung des Redenden selbst, sondern die allgemeinen
Bedingungen des Redeaktes ihr Wesen bestimmen" (Admoni, 1986, 12). Zu den
kommunikativ
-
grammatischen Kategorien können außer den oben erwähnten
grammatischen Kate
gorien der Person, der Zeit, des Modus auch Genus,
Bestimmtheit und Unbestimmtheit, zum Teil die Steigerungsstufen der Adjektive
und Adverbien gerechnet werden.


"Die beiden Arten der Kategorien (die logisch
-
grammatische und die
kommunikativ
-
grammatische)
sind gewiss nicht immer scharf voneinander
geschieden und haben sehr viele gemeinsame Züge" (Admoni, 1986, 12).



Vom Standpunkt des grammatischen Gestaltungssystem
s
aus
sondert W.G. Admoni eine besondere Abart der grammatischen Kategorien aus
-

die "strukturell
-
grammatischen", welche der formalen Organisierung der
Redeeinheiten dienen (z.B. die Rahmenkonstruktion als ein Mittel zur
Zusammenschweißung des Satzes)" (Admoni, 1986, 13). E.W. Gulyga meint,
dass man zu dieser Gruppe auch das Geschle
cht, die Zahl und den Kasus des
Adjektivs rechnen könnte, weil sie eigentlich inhaltlich unmotiviert sind
(Gulyga, 1970, 21
-
22) und mit den entsprechenden Kategorien des
Bezugswortes zusammenfallen.


W.G. Admoni hebt hervor: "Die meisten Formen des Sprachb
aus können
also als grammatische Kategorien (logisch
-
grammatische, kommunikativ
-
grammatische oder strukturell
-
grammatische) betrachtet werden. Es gibt aber
auch grammatische Formen, die man nicht zu den grammatischen Kategorien
rechnen darf" (Admoni, 1986
, 13). Der Sprachforscher zählt dazu "die
Formunterschiede zwischen den starken und schwachen
Verben und somit
diese
verbalen Formsysteme selbst" (
Admoni, 1986, 13). Außerdem findet man im
Deutschen "solche verallgemeinerten Bedeutungen, die keinen fronta
len
grammatischen Ausdruck finden und nur teilweise an exakte
Gegenüberstellungen von Morphemen oder anderen Formen des Sprachbaus
gebunden sind (z.B. Substantivabstrakta)" (ebenda). Die ersteren grammatischen
Erscheinungen werden von W.G. Admoni "Formklas
sen" oder
"Formordnungen", die letzteren "semantisch
-
grammatische Wortklassen"
genannt.


W.G. Admoni spricht auch von den terminologischen Problemen auf dem
Gebiet der theoretischen Grammatik, indem er dara
u
f hinweist, dass es jetzt

11
allgemein üblich ist, "
unter dem Ausdruck "die grammatische Form" nicht nur
die äußere formale Hülle der betreffenden Erscheinung…, sondern auch die
Verbindung dieser äußeren Hülle mit der Funktion, beziehungsweise der
Bedeutung, die dieser Hülle innewohnt, zu verstehen. Danebe
n aber führt man
oft auch den Fachausdruck "grammatische Kategorie" ein, der vorwiegend das
System der durch irgendein grammatisches Merkmal verbundenen
grammatischen Formen bezeichnet, z.B. die Kategorie der Zahl. Doch verwendet
man diesen Ausdruck zuweil
en auch zur Bezeichnung der einzelnen
grammatischen Formen selbst, z. B. die Kategorie des Nominativs, oder ganzer
Formensystem
e
, z.B. die Kategorie des Verbs" (Admoni, 1986, 11).


Viele Grammatikforscher aber halten den Begriff der grammatischen
Form und
den der grammatischen Bedeutung auseinander. Nach der Meinung
von M.M. Guchman u.a. hat die grammatische Kategorie zwei Seiten: die
Inhaltsebene wird durch die grammatische Bedeutung und die Ausdrucksebene
durch die Opposition von Wortformen (wenigstens
von zwei gegenseitig
gegenübergestellten Wortformen) vertreten (Guchman, 1968, 124).


"Also kann man die grammatische Kategorie folgenderweise definieren:
die grammatische Kategorie ist die Einheit der grammatischen Form und der
grammatischen Bedeutung.
Die grammatische Kategorie hat zwei Seiten. Der
Terminus "Kategorie" wird in Bezug auf die Bedeutung und in Bezug auf die
Form gebraucht" (Gulyga, 1970, 22; siehe auch:
Лингвистический

энциклопедический

словарь
,

1990,

115
-
117).



Mit dem Begriff der gram
matischen (morphologischen) Kategorie ist der
Begriff des Paradigmas eng verbunden. Jedes fkektierbare (derklinierbare oder
konjugierbare) Wort bildet ein System von grammatischen Formen, Wortformen.
"Unter P a r a d i g m a einer Wortart versteht man die
Gesamtheit der
Wortformen, die den Wörtern der betreffenden Wortart eigen sind. Das
Paradigma hat einen Systemcharakter. Alle Wortformen im Paradigma sind
aufeinander abgestimmt und stehen einander als G e g e n g l i e d e r

einer
O p p o s i t i o n gegenüber:

ich rufe / du rufst / er ruft,

ich rufe / wir rufen,

ich rufe / ich rief,

ich rufe / ich werde gerufen,

ich rufe / ich riefe /ich würde rufen u.a." (Moskalskaj
a, 1983, 52).

"
Von einer grammatischen (morphologischen) Kategorie kann nur dann
gesprochen werden, wenn mindestens zwei Wortformen gleicher Art einander
gegenüberstehen. Notwendig und ausreichend ist dabei, dass sie sich in
Bedeutung und (normalerweise)
in Form unterscheiden" (Abramow, 2001, 22).


Als Beispiel sei die Kategorie des Numerus genannt. Bei den meisten
deutschen Substantiven unterscheidet man die Singularform und die Pluralform,
die die Bedeutung der Einzahl und der Mehrzahl ausdrücken, z.B. M
ann
-


12
Männer. Das erste Glied dieser Gegenüberstellung ist unmarkiert, weil es kein
Formans (Marker) aufweist. Das zweite Glied ist markiert, weil es sogar zwei
grammatische Mittel zur Kennzeichnung des Plurals hat, und zwar den Umlaut
und das Formans
-
e
r. Der Gegensatz zwischen den Wortformen "Mann
-

Männer" beruht auf der Opposition: Einzahl
-
Mehrzahl.
"
Unter O p p o s i t i o n
verstehen wir die antonymische Beziehung der Gegenglieder im Rahmen e i n e r
grammatischen Bedeutung, die die betreffenden W
ortformen unterscheiden
lässt" (Moskalskaja, 1983, 53).


Die Oppositionen, die unmarkierte und markierte Gegenglieder haben,
heißen privative Oppositionen. Der Begriff der privativen Oppositionen wurde
von den Vertretern der Prager Schule, insbesondere von
N. Trubetzkoj in seinem
Buch "Grundzüge der Phonologie" entwickelt.


Die grammatischen Formen werden durch bestimmte Mittel zum
Ausdruck gebracht. Wie wir oben am Beispiel: "Mann
-
Männer" gesehen haben,
wird die Pluralform "Männer" durch zwei Mittel ausg
edrückt: durch den Umlaut
und das Suffix
-
er. In diesem und in ähnlichen Fällen tritt eine
Übercharakterisierung auf.


Es gibt zwei Arten von grammatischen Formen und dementsprechend von
grammatischen Mitteln
-
(I) synthetische und (II) analytische. (I)
Die
synthetischen Mittel wirken im Rahmen eines Wortes. Unter den synthetischen
Mitteln unterscheidet man: 1) die innere Flexion; 2) die äußere Flexion.


1. Zu der inneren Flexion gehören: a) der Umlaut; b) die Brechung
(Vokalhebung, Tonerhöhung), c) der
Ablaut, d) der Konsonantenwechsel.


"
Das Wesen der inneren Flexion besteht darin, dass das Grundmorphem
außer der lexikalen Bedeutung des Wortes noch irgendwelche grammatischen
Bedeutungen zum Ausdruck bringt. Die grammatischen Bedeutungen, die sonst
neben
dem Grundmorphem realisiert werden, d.h. ihre Verkörperung finden,
sind hier in dem Grundmorphem selbst gegeben. Im Deutschen wird das durch
den Wechsel der Vokale im Grundmorphem erzielt. In der Wortform
nahmst
bezeichnet das Grundmorphem
nahm

-
die lex
ikale Bedeutung des betreffenden
Wortes, zugleich aber dank dem Vokal
[a
:
], der bei diesem Verb den Vokalen
[e:], [
I
], [
e
:
] und [
Ɔ
] gegenübersteht, auch die grammatische Bedeutung des
Präterits und des Indikativs. (Vgl. die Formen
nehmen,

nimmst, nähme,

genommen
)
"
(Admoni, 1986, 53).


Zu der äußeren Flexion gehören: a) Präfixe; b) Suffixe; c) Flexionen.


Die innere Flexion tritt sel
ten isoliert auf (Mutter
-
Mütter, Tochter
-

Töchter, Vater
-
Väter, Bruder
-
Brüder); oft erscheint sie in Verbindung mit
der äußeren Flexion und hat einen morphologischen Wert, indem sie zur
Formbildung dient.


"Die innere Flexion im Deutschen hat zwei
ganz verschiedene
geschichtliche Quellen: den Ablaut und den Umlaut. Der Ablaut ist der alte
indoeuropäische Vokalwechsel. Als Umlaut bezeichnet man die mannigfaltigen,

13
den betonten Vokal assimilatorisch bestimmenden Prozesse, die sich in den
einzelnen al
tgermanischen Dialekten abspielten" (Admoni, 1986, 54).


Der Umlaut erscheint bei der Pluralbildung der Substantive: Gast
-
Gäste,
Garten
-
Gärten sowie bei der Komparativ
-
und Superlativbildung der Adjektive:
warm
-
wärmer
-
am wärmsten. Im verbalen Berei
ch dient der Umlaut zur
Bildung der 2. und 3. Person Sg. Präsens Indikativ
-
du fährst
-
er fährt sowie
des Präterits Konjunktiv der starken und unregelmäßigen Verben: gäbe, täte usw.


Die Brechung, eine ältere Form der Assimilation, wird oft auch die
Ton
erhöhung, Vokalhebung genannt, weil hier der Übergang von den Vokalen
der mittleren Zungenhebung [e
:
] [
e
] zu den Vokalen der hohen Zungenhebung
[
i:
] [
I
] stattfindet. Die Brechung dient zur Bildung der 2. und 3. Person Sg.
Präsens Indikativ der starken Verb
en mit dem Stammvokal e: du sprichst, er
spricht; du, er liest und zur Bildung des Imperativs der 2. Person Sg. von der
gleichen Gruppe der starken Verben: sprich, lies, nimm!


Das Wirkungsgebiet des Umlauts und des Ablauts ist in der Formbildung
zu einem
bestimmten Grad differenziert.


Der Ablaut beschränkt sich auf die Bildung des Präterits und des Partizips
II der starken und der meisten unregelmäßigen Verben: werfen
-
warf
-

geworfen, bringen
-
brachte
-
gebracht.


Im letzteren Fall tritt neben dem Umla
ut auch der Konsonantenwechsel
auf.


2. Was die äußere Flexion anbetrifft, so muss man sagen, dass es nur ein
grammatisches Präfix, und zwar das Präfix ge
-
gibt, das zur Bildung des
Partizips II dient: gesprochen, gemacht. Die Präfixe (Vorsilben) und Suffi
xe
(Nachsilben) können gemeinsam auftreten, sie heißen dann Konfixe, z.B. die
Partizipien II
ge
nomm
en
,
ge
frag
t
. Die Mittel der äußeren Flexion können
verschiedene Funktionen erfüllen. So kann das Morphem
-
er "zum Beispiel zur
Bildung des Plurals mancher S
ubstantive ("Bild
-
Bilder"), des stark flektierten
männlichen Adjektivs ("ein großer Mann") und des Komparativs ("schön
-

schöner") Verwendung finden… So verbindet sich mit dem Pluralsuffix
-
er der
Begriff der Vielheit; die Pluralform "Bilder" besagt, d
ass der Inhalt des
Wortstammes mehrfach gedacht und vorgestellt werden soll. Das
Komparativsuffix
-
er zeigt an, dass die Eigenschaft, die mit dem Wortstamm
bezeichnet wird ("alt"
-
, "dick"
-
, "leicht"
-
usw.), jeweils in einem höheren Grade
auftritt. … Außer
dem kann die Lautgruppe
-
er auch als Wortbildungssuffix zur
Bildung von maskulinen Nomina agentis ("lesen
-
Leser"), von Gerätenamen
("drücken
-
Drücker") und von Herkunftsbezeichnungen ("Erfurt
-
Erfurter")
dienen" (Schmidt, 1966, 26).


Es gibt folgende S
uffixe:


Zur Bildung der Mehrzahl der Substantive dienen die Suffixe
-
e,

(
-
e)n,
-
er,
-
s, z.B. (die) Abende, Straßen, Kinder, Autos.


Wenn das Pluralsuffix fehlt, spricht man vom Nullsuffix bei der
Pluralbildung der Substantive: (die) Arbeiter, Wagen,
Gebäude, Töchter,

14
Zeichen. Man kann von einem Nullsuffix bei der Pluralbildung der Substantive
sprechen, weil es im Deutschen ein System von Formen gibt, das entsprechende
Formen mit pluralbildenden Suffixen aufweist und dem die Formen mit einem
Nullsuff
ix gegenübergestellt sind.


Zur Bildung der Steigerungsstufen der Adjektive und Adverbien dienen
die Suffixe
-
er,
-
(e)st: alt
-
älter
-
ältest.


Zur Bildung des Präterits der schwachen Verben dient das Suffix
-
(e)te:
machte, zeichnete.


Das Suffix des Infi
nitivs ist
-
en (loben, zustimmen) oder
-
n (nach den
Sonorlauten, z.B. sammeln, flattern).


Das 1. Partizip wird mit Hilfe des Suffixes
-
e(nd) gebildet (die Variante
-
nd erscheint nach den Sonorlauten: lobend, tadelnd).


Die starken Verben bilden das 2. Par
tizip mit Hilfe des Suffixes
-
en, und
die schwachen Verben haben im 2. Partizip das Suffix
-
t oder seine Variante
-
et:
geschrieben, gemacht, gezeichnet.


Der Konjunktiv Präsens der starken und schwachen Verben und der
Konjunktiv Präteritum der starken Ver
ben werden mit Hilfe des Suffixes
-
e
gebildet: (es) lebe, (man) nehme, (du)läsest.


Präfixe und Suffixe sind Affixe.


Alle diese Mittel (der Umlaut, die Brechung, der Ablaut, der
Konsonantenwechsel, Suffixe und Präfixe) werden sowohl bei der
Wortformveränd
erung als auch bei der Wortbildung verwendet. Das Wort
besteht aus einem oder mehreren Morphemen, d.h. aus den kleinsten
bedeutungstragenden Teilen der Wortform. Die Wörter "Wand", "frisch"
bestehen aus einem Morphem. Aber in der Regel ist das Wort selbst
"eine
Verschmelzung von zwei oder mehreren Morphemen…: einem
Grundmorphem…, das den Begriff bezeichnet, der das unmittelbare Objekt des
Gedankens ist, und irgendwelchen hinzukommenden Bestandteilen, die sich an
das Grundmorphem anlehnen und es modifiziere
n" (Admoni, 1986, 7
-
8). Z.B.
"Nacht", "nächt
-
lich", "er
-
klär
-
en", "nahr
-
haft", "sag
-
te
-
t", "Be
-
teil
-
ig
-
ung" usw.
Die Wortwurzel ist der Träger der lexikalischen Bedeutung des Wortes, "das
Morphem, das die eigentliche lexikale Bedeutung des Wortes ausdrück
t" (in
unseren Beispielen sind es
nacht
,
nächt
,
klär,

nahr,

sag
,
teil
)…"Um ein Wort zu
bilden, treten zu dem Grundmorphem gewöhnlich ein oder mehrere
Hilfsmorpheme (oft "Formanzien" genannt) hinzu, die wortbildend oder
formbildend sein können. …
Die wortb
ildenden Morpheme, gewöhnlich
"Affixe" genannt, stehen entweder nach dem Grundmorphem (Suffixe
-
in
unseren Beispielen
-
lich,
-
haft,
-
te,
-
ig,
-
ung
-
W.M.) oder vor ihm (Präfixe in
unseren Beispielen er
-
, be
-
,
-
W.M.). Mit dem Grundmorphem zusammen bil
den
sie den Stamm des Wortes, an den die formbildenden Morpheme, gewöhnlich
"Endungen" oder "Flexion" genannt, angehängt werden" (Admoni, 1986, 48).
Endungen, Flexionen im engeren Sinne des Wortes gehören zu der äußeren
Flexion; das sind Kasus
-
und Persona
lendungen. "Die Flexionen im engen Sinne

15
des Wortes drücken Beziehungen zwischen den Wörtern im Satz oder in der
Wortfügung aus: er lern
t
gut
-
du lern
st
gut; die Arbeit des Student
en
, ein
interessant
es
Buch" (Gulyga, 1970, 24). W.G. Admoni spricht von den

Grundmorphemen verschiedenen Grades, "z.B.
legen
: Grundmorphem des ersten
Grades
leg
;
zerlegen

-
Grundmorphem des 2. Grades
zerleg
;
Zerlegung

-

Grundmorphem des 3. Grades
zerlegung
" (Admoni, 1986, 48). Einige
Grammatikforscher unterscheiden die eigentl
ichen Suffixe, die zur Bildung
neuer Wörter dienen, und die Suffixe, die zur Bildung von Wortformen dienen.
Vgl. Einerseits schön
-
Schön
heit
, Bild
-
bild
haft,
andererseits schön
-
schön
er
,
Bild
-
Bild
er
(Admoni, 1986, 49). Das Morphem
-
er in den Beispiel
paaren dient
zur Bildung des Komparativs und auch zur Bildung der Pluralform des
Substantivs. "Morpheme, die lautlich zusammenfallen und zur Bildung
verschiedener Formen dienen, werden Homomorpheme genannt" (Gulyga, 1970,
25).


Mit dem Begriff des "Nullm
orphems" (Admoni, 1986, 7
-
8) ist der Begriff
der Nullform des formbildenden Morphems, der sogenannten "Nullendung"
verbunden, "die dadurch gebildet wird, dass gerade das Fehlen der Endung bei
irgendwelchen Wortformen sie anderen Formen desselben Wortes
ent
gegensetzt" (Admoni,1986, 48).


Die Wortformen können von verschiedenen Wurzeln gebildet werden:
"Das Grundmorphem (die Wurzel) kann in den verschiedenen Formen des
grammatischen Paradigmas in ganz verschiedenen Lautformen auftreten
(Suppletivformen):
sein

-
bin
-
ist
-
war
-
ge/wes/en, viel
-
mehr, gut
-
bess/er,
wen/ig
-
mind/er, ich
-
mein/er, wir
-
uns, er
-
sein/er
-
ihm, sie
-
ihr.
Es handelt
sich dabei hauptsächlich um außerordentlich gebräuchliche Wörter mit sehr
allgemeiner und abstrakter Bedeutun
g, deren Formen größtenteils genetisch von
verschiedenen Wurzeln gebildet werden" (Admoni, 1986, 66). "Solche
konkreten Gestaltungen der Morpheme werden Morphe genannt und in ihrer
Beziehung zueinander Allomorphe des Morphems
"
(Admoni, 1986, 8).



II. Zu d
en analytischen Formen gehören in erster Linie die Hilfsverben
"haben", "sein" und "werden". "Eine Schwierigkeit bei der morphologischen
Analyse des Wortes bieten die sogenannten "analytischen grammatischen
Formen", d.h. Verbindungen von zwei oder mehreren
Wörtern, die eine
grammatische Charakteristik eines von diesen Wörtern zum Ziele haben. Diese
Formen gehören zugleich zur Syntax (in formaler Hinsicht) und zur
Morphologie, da die Konstruktion
habe gemacht
im Satz "Ich
habe
es schon
gemacht
" nur in ihrer
Einheit eine grammatische und lexikale Bedeutung
aufweist" (Admoni,1986, 55
-
56). "Die grammatische Bedeutung der
analytischen Form im Deutschen ist nie der Summe der grammatischen
Bedeutungen ihrer Komponenten gleich und tritt als die Bedeutung des
unzerl
egbaren Ganzen auf" (Guchman, 1955, 343). In der Wortverbindung "
ich
habe geschrieben
" ist "
habe
" eine Form des Präsens vom Verb "
haben
", und das

16
Partizip II "
geschrieben
", einzeln genommen, hat eine passivische Bedeutung
und drückt eine abgeschlossene Han
dlung aus. Aber die zeitliche Bezogenheit
der ganzen Wortverbindung ist nicht gleich der zeitlichen Bezogenheit des
Hilfsverbs: das Perfekt "
ich habe geschrieben
" drückt die Vergangenheit aus und
ist aktiv. (Es sei hervorgehoben, dass das Perfekt die Vorze
itigkeit in der
Gegenwart bezeichnet, d.h. die Vorzeitigkeit zum Redemoment; die vergangene
Handlung, die durch das Perfekt ausgedrückt wird, wirkt in der Gegenwart
nach). Im Satz "Ich
habe
es schon
gemacht
" besitzt die Form "
habe
" keine
Eigenbedeutung, un
d auch die Form "
gemacht
" ist in dieser Verbindung kein
grammatisch vollständiges Wort, obgleich zu ihrem Bestand ein Grundmorphem
und zwei Hilfsmorpheme gehören. … Erst wenn man "
gemacht
" und "
habe
"
aufeinander bezieht, ergibt sich der Sinn: die Vergangen
heit vom Verb
"
machen
". Bezeichnenderweise besteht hier das formbildende Morphem "
habe
"
selbst aus einem Grundmorphem und einem formbildenden Morphem und drückt
formal die Person, Zahl, und den Modus aus. …Und die Grammatiker haben dies
schon seit Jahhunde
rten richtig erkannt, indem sie diese Konstruktion in das
Paradigma der deutschen Temporalformen als Perfekt einreihten" (Admoni,
1986, 56). Die Distanzstellung der Komponenten der zu analysierenden
Konstruktion trägt zur Bildung der verbalen Klammer (der
Rahmenkonstruktion)
bei, die W.G. Admoni zu den strukturell
-
grammatischen Kategorien rechnet:
"Die analytischen Formen des Verbs gehören zu den wichtigsten Mitteln der
strukturellen Gestaltung des deutschen Satzes, indem sie im Hauptsatz in der
Regel Dista
nzstellung einnehmen und auf diese Weise den Rahmen des Satzes
bilden" (Admoni, 1986, 56). M.M. Guchman hebt hervor: "Die Möglichkeit,
diese ersten Komponenten auszusondern, wird auch durch die
Gesetzmäßigkeiten der Wortfolge in der deutschen Sprache unter
strichen: durch
das Gesetz der Distanzstellung der Komponenten im Hauptsatz und durch das
Gesetz der umgekehrten Folge der Komponenten im Nebensatz:
ich habe gestern
den ganzen Abend gelesen
…;
dass ich gestern den ganzen Abend gelesen habe.

Kennzeichnend
ist in dieser Beziehung auch die Möglichkeit, das Hilfsverb in
den Fällen wegzulassen, wenn das Prädikat zwei analytische Konstruktionen
vom selben Typ enthält: ich
habe
gestern den ganzen Abend
gelesen und
geschrieben"
(Guchman, 1955, 339). Die Umdeutung
der Komponenten der
analytischen Form, die ihre reele Nichtzerlegbarkeit bedingt, die gegenseitige
grammatische Verknüpfung der Komponenten bei der Herausbildung der
grammatischen Bedeutung der ganzen Wortverbindung können als eine
besondere Art von "Idiom
atik" gedeutet werden. Durch die Idiomatik dieser Art
unterscheiden sich die zu analysierenden Konstruktionen von den anderen
Verbindungen des Dienst
-
und Vollwortes. Die beschriebene Art der
Idiomatik von analytischen Formen wird vo
n

M.M. Guchman grammatische Idiomatik genannt (Guchman, 1955, 345).


Die Idiomatik der analytischen Formen und die Idiomatik der
phraseologischen Einheiten sowohl bildhafter (z.B. Pech haben) als auch

17
unbildhafter vom Typ "das Substantiv
+
das Funktionsve
rb" (z.B. etw. in
Zweifel ziehen, zur Besprechung gelangen usw.) ist unterschiedlicher Natur. Die
phraseologischen Einheiten üben eine nominative Funktion aus; als
Wortäquivalente treten sie als unteilbare lexikalische Einheiten auf, fungieren
also als Ele
mente der Lexik und sind einmalige Bildungen. Die verbalen
analytischen Konstruktionen, die alle deutschen Verben, unabhängig von ihrem
lexikalischen Inhalt, erfassen, müssen als Erscheinungen der grammatischen
Reihe bestimmt werden (Guchman, 1955, 345). D
ie Merkmale der analytischen
Form sind folgende:
"
1) eine besondere gegenseitige Verknüpfung der
Komponenten, welche ihre Nichtzerlegbarkeit ergibt; 2) grammatische
Idiomatik; 3) Geltung für das gesamte lexikalische System des Verbs; 4)
Aufnahme in das Par
adigma" (Gulyga, 1970, 29).




§3



Vieldeutigkeit und Synonymie der grammatischen Formen


1.

Die grammatische Bedeutung der Wortformen;

2.

Die synchronische Vieldeutigkeit (nach E.J. Šendels)
;

3.

Das Wesen der Komponentenanalyse;

4.

Die paradigmatischen und syntagmatischen Bedeutungen der grammatischen
Formen (am Beispiel des Präsens und des Futurs I und II).





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S. 30; 325.



Den meisten grammatischen Formen wohnt die Vi
eldeutigkeit inne. Es
wurde auch festgestellt, dass eine grammatische Bedeutung nicht einheitlich ist,
sondern sich in minimale Elemente weiter zerlegen lässt. Solche minimalen
Elemente, die sich in der kategoriellen Bedeutung der Form aussondern lassen,
w
erden Semen genannt. Das Sema ist die kleinste semantische Einheit, der nicht
weiter zerlegbare Bestandteil einer grammatischen Bedeutung. "Unter
Bedeutungskomponente (Sem) versteht man die kleinste, nicht weiter
aufgliederbare Inhaltskomponente eines spra
chlichen Zeichens, das einzelne
distinktive Merkmal in der Bedeutungsstruktur eines Wortes bzw. eines
Grammems" (Moskalskaja, 1983, 77). Der Definition von E.I. Schendels zufolge
ist das Sem (die Bedeutungskomponente eines Grammems) "das kleinste
ausgliede
rbare Element der kategoriellen Bedeutung einer Form" (Schendels,
1970, 23). "Die Analyse nach den sog. B e d e u t u n g s k o m p o n e n t e n
(Semen), die man auch K o m p o n e n t e n a n a l y s e (komponenzielle
Analyse) nennt", erweist sich als "e
in wirksames methodisches Verfahren, das
bei der Erforschung der kategoriellen Bedeutung eines Grammems angewandt
werden kann" (Moskalskaja, 1983,75). Bei der Gegenüberstellung der Formen
dient das Sema als Unterscheidungsmerkmal der Inhaltsebene. "Diese
B
edeutungskomponenten werden als die dinstiktiven Merkmale der Inhaltsebene

19
betrachtet. (Moskalskaja, 1983, 77). ("Unter dem Grammem wird der Bestandteil
der grammatischen Kategorie verstanden, der seiner Bedeutung nach als
Hyponym in Bezug auf die Bedeutun
g der grammatischen Kategorie als
Hyperonym auftritt, z.B. die Grammeme der Einzahl und Mehrzahl, der 1.,2. und
3. Person usw.
(Лингвистический энциклопедический словарь, 1990, 117).

In einem Wort können sich sowohl lexikalische als auch grammatische Semen
vereinen.



"Die Analyse der Grammeme nach den Bedeutungskomponenten (Semen)
hilft die Bedeutung des Grammems präzise zu besc
hreiben" (Moskalskaja, 1983,
77). Die Semen sind voneinander unabhängig, und keines von ihnen kann durch
die Kombination der anderen Semen ausgedrückt werden. Zu gleicher Zeit bildet
die Kombination bzw. die Gesamtheit von Semen die Bedeutung der
grammatis
chen Form. Die Semen decken nur den denotativen Inhalt der
grammatischen Form auf, die emotionellen und expressiven Nebenbedeutungen
kommen in den Semen nicht zum Ausdruck (Schendels, 1970, 23).


Die Suche nach dem entsprechenden Semenbestand muss so lange
geführt
werden, bis man eine grammatische Form erkennen und sie von den anderen
Formen unterscheiden kann. Wenn sich der Inhalt des Imperfekts nur mit dem
Sema "Vergangenheit" beschreiben ließe, würde sich diese Zeitform nach ihrem
Informationsgehalt vom
Perfekt nicht unterscheiden. Aber der
Informationsgehalt des Perfekts und des Imperfekts (Präterits) ist
unterschiedlich, weil ihr Semenbestand verschieden ist. Das Perfekt verfügt
nämlich auch über das Sema "Bezogenheit auf die Gegenwart", während das
Prä
terit das Sema "Distanzierung vom Redemoment" hat (Schendels, 1970, 23).


Manchmal kommt es vor, dass nicht alle Semen, die die Bedeutung einer
grammatischen Form ausmachen, realisiert werden. "Manche Semen treten nicht
zusammen, sondern getrennt auf. Es g
ibt Fälle, wo sie sogar einander
ausschließen. Das Perfekt hat folgende Semen: 1) Vergangenheit; 2)
Bezogenheit auf die Gegenwart; 3) Vorzeitigkeit in der Zukunft. Diese Semen
können nicht zusammen wirken. Die ersten zwei Semen bilden die
Hauptbedeutung od
er die paradigmatische Bedeutung, das dritte die
Nebenbedeutung oder die syntagmatische. Die paradigmatische Bedeutung
kommt im neutralen Kontext zum Ausdruck, die syntagmatische in bestimmten
Strukturen, im Kontext, manchmal unter dem Einfluss der Lexik"
(Gulyga, 1970,
38). Z.B. Morgen habe ich es wieder vergessen. In diesem günstigen Kontext
wird das Sema "Vorzeitigkeit in der Zukunft" aktualisiert, während die ersten
zwei Semen, die die Hauptbedeutung des Perfekts ausmachen, nämlich "die
Vergangenheit"
und "die Bezogenheit auf die Gegenwart
"
gelöscht werden, mit
anderen Worten, werden die ersten zwei Semen "ausgeschaltet" und das dritte
"eingeschaltet".


"Die Vieldeutigkeit ist aufs engste mit der grammatischen Synonymie
verbunden, denn in diesen Erschei
nungen äußert sich das Gesetz, dass sich der

20
Ausdruckswert, der Inhalt und die Ausdrucksformen völlig nie decken. Ein und
dieselbe Form ist vieldeutig, ein und derselbe Inhalt wird durch mehrere Formen
ausgedrückt. Das kann man aus folgenden Beispielen seh
en:


Vieldeutigkeit Synonymie


Genitiv

Befehl

Zugehörigkeit: Zeit: Art und Weise: Impera
tiv
-
Präsens
-

Der Mantel eines schnellen Schrit
-
Futur I
-
Partizip II
-

meiner Frau Tages tes (gehen) Infinitiv

Ste
h auf! Du stehst auf!

Du wirst aufstehen!

Aufgestanden! Aufstehen!



Eine grammatische Form umfasst meh
rere kategoriale grammatische
Bedeutungen, die dieser Wortart eigen sind. Die Form "du schreibst" zeigt zu
gleicher Zeit auf Person, Zahl, Zeit, Modus und Genus. Diese Art der
grammatischen Vieldeutigkeit nennt E.J. Schendels
"
synchronische
Vieldeutigkeit"
(Gulyga, 1970, 36
-
37; Schendels, 1970, 22). Man kann auch
Pseudonebensätze als Mittel zum Ausdruck des kategorischen Befehls
verwenden: Mach, dass du fortkommst! S. Karcevski weist auf den
asymmetrischen Dualismus des sprachlichen Zeichens hin, indem er
beweist,
dass man mit Hilfe eines Verfahrens viele grammatische Erscheinungen
ausdrücken kann und sich jede Erscheinung umgekehrt mit Hilfe verschiedener
Verfahren beschreiben lässt (Karcevski, 1965, 89
-
90). O.I. Moskalskaja meint
über die Mehrdeutigkeit d
er Formen folgendes: "Vor allem überschneiden sich
in jeder Wortform einige grammatische Kategorien, so dass sie Träger einiger
kategorieller Bedeutungen ist. Vgl.:


Gegenwart (Grammem der Kategorie der Zeit)




besprochen (Grammem der Kategorie der Person)

(er) kommt

einzeln (Grammem der Kategorie des Numerus)


tatsächlich (Grammem der Kategori
e des Modus)

statthabend


(Moskalskaja,
1983, 72)


W.G. Admoni schreibt dazu: "So treten bei Nennung der Form
kamst
wie
von selbst
u.a. die Bedeutungsgehalte der zweiten Person Singular und der
Vergangenheit auf. Sie machen sich geltend auf Grund der äußerlich
unbewussten Einreihung dieser Form in das verbale Paradigma: einerseits durch

21
die Gegenüberstellung mit den Formen
kam
und
ka
men
, andererseits durch die
mit der Form
kommst
" (Admoni, 1986, 16).


Obwohl die meisten grammatischen Formen ihre Vieldeutigkeit
aufweisen, ist die Unterscheidung ihrer Grund
-
und Sonderbedeutung von
Belang. "Unter Grundbedeutung versteht man die Bedeutun
g des Grammems,
wie sie uns bei der Gegenüberstellung des betreffenden Grammems mit den
anderern Grammemen derselben grammatischen Kategorie im Paradigma
entgegentritt (z.B.
ich lese
/
ich las
/
ich werde

lesen
). Daher wird die
Grundbedeutung ei
ner Wortform auch ihre p a r a d i g m a t i s c h e
Bedeutung genannt
"
(Moskalskaja, 1983, 77). Die Grundbedeutung (die
paradigmatische Bedeutung) der Wortform bleibt sowohl in der Sprache als auch
in der Rede erhalten. Die paradigmatische Bedeutung de
r Wortform kommt in
der Stellung der starken Gegenüberstellung in einem neutralen
Satzzusammenhang zum Ausdruck, in dem das Ersetzen dieser Wortform durch
ihr Gegenglied eine inhaltliche Veränderung herbeigeführt hätte, die durch die
Unterscheidungsmerkmal
e dieser Form zu erklären ist (Schendels, 1970, 15).
Z.B.: er schreibt /schrieb/ wird schreiben; der schreibende Student
-
der
geschriebene Brief). Die Mehrdeutigkeit der Grammeme veranlasst L.
Weisgerber, die Bestimmung ihrer semantischen Charakteristiken
(in erster Linie
der Grundbedeutung) aufzugeben und von formbezogenen Termini wie erste
Stammform (=Präsens), zweite Stammform (
=
Präteritum), Umschreibung mit
werden (
=
Futurum) Gebrauch zu machen (Weisgerber, 1962, 30).


Neben der paradigmatischen kann d
ie Wortform auch eine
syntagmatische Bedeutung besitzen. "Die S o n d e r b e d e u t u n g e n des
Grammems sind aber seine s y n t a g m a t i s c h e n Bedeutungen, d.h. die
Bedeutungen, die die Wortform in einem modifizierenden Satzzusammenhang
bekomm
t, sei es durch Verbindung mit präzisierenden Wörtern (
Hast du dich
bald ausgeweint
?
In einer Stunde geht mein Zug),
sei es durch die Intonatoin
(
Sie werden pünktlich sein!
), sei es durch den Inhalt der Äußerung (
Die Erde
dreht sich um die Sonne
) u.ä. (Mos
kalskaja, 1983, 75). Diese Fähigkeit der
Wortform, verschiedene Bedeutungen in verschiedenen Bedingungen zu haben,
wird von E.J. Schendels "potenzielle Vieldeutigkeit" genannt (Schendels, 1970,
26).


Der Grad der Mehrdeutigkeit einer Wortform hängt von der
Zahl der
Oppositionsglieder innerhalb einer grammatischen Kategorie ab. Wollen wir uns
dem sechsgliedrigen System der deutschen Sprachformen zuwenden und als
Beispiel die paradigmatischen und syntagmatischen Bedeutungen des Präsens
und des Futurs betracht
en.


Das Präsens charakterisiert die verbale Handlung in ihrem Verlauf, ohne
eine zeitliche Begrenzung anzugeben, d.h. durativ. Die Polyfunktionalität dieser
Zeitform als grammatischer Kategorie ist auf die Kompliziertheit der Gegenwart
als einer Stufe der
allgemeinen Kategorie der Zeit zurückzuführen. Als
paradigmatische Bedeutung des Präsens gilt im Allgemeinen die Bezeichnung

22
der verbalen Handlung (oder des Zustandes), die/der mit der Zeit des
Redemoments zusammenfällt: "Als die Grundbedeutung des Präse
ns darf wohl
das Sem "Gültigkeit im Redemoment" angesehen werden" (Moskalskaja, 1983,
77); "Das Präsens bezeichnet vor allem den Zeitpunkt, sozusagen den
Augenblick, der mit dem Redemoment zusammenfällt" (Admoni, 1986, 192).
"Die Gegenwart wird manchmal no
ch durch besondere Wörter betont" (Duden
-

Grammatik, 1962, 108), die den Gegenwartsbezug hervorheben: gerade, eben,
jetzt, in diesem Augenblick u.a.:

…jetzt haben wir den Magen voll weißer Bohnen und Rindfleisch und sind satt
und zufrieden (Remarque, 7).


Dadurch wird der günstige Kontext zum Ausdruck des "aktuellen Präsens
"

geschaffen. Dabei gestehen die Verfasser der Duden
-
Grammatik zu, das
Präsens drücke "oft, aber nicht immer ein in der u n m i t t e l b a r e n

G e g e n w a r t
ablaufendes Geschehen aus" (Duden
-
Grammatik, 1962, 107).
Ein verhältnismäßig umfassender Geltungsbereich dieser Zeitform ist auf ihre
allgemeine wenig spezifizierte Bedeutung zurückzuführen. Auf Grund der
Analyse des Zusammenspiels einschlägiger
Bedeutungskomponenten stellt

O.I. Moskalskaja sechs Verwendungsweisen des Präsens zusammen, denen das
führende Sem "Gültigkeit im Redemoment" innewohnt und die als dessen
Abwandlungen betrachtet werden: "1) punktuell
-
Es donnert; 2) inklusiv
-
Vater
s
chläft; 3) usuell (iterativ)
-
Sie kommen immer um diese Zeit; 4) qualifizierend
-
Er ist klug; 5) generell
-
Die Erde dreht sich um die Sonne; 6) potenziell
-

Solche Wunden heilen sehr schnell" (Moskalskaja, 1983, 76).


An dieser Zeitform "ist bemerkens
wert, dass sie keineswegs nur die
Gegenwart bezeichnet, also den Zeitpunkt, der mit dem Redemoment
zusammenfällt, sondern ebenso auch Geschehnisse, die sich erst in der Zukunft
vollziehen oder die schon vergangen sind, und schließlich auch solche, die
über
haupt keiner bestimmten Zeitstufe zugehören, weil sie ständig oder unter
bestimmten Bedingungen wiederkehren und somit zeitlos, allgemein gültig sind"
(Schmidt, 1966, 216).


Außer den obenerwähnten sechs Verwendungsweisen des Präsens sondert
O.I. Moskalsk
aja vier weitere Verwendungen aus. Sie
"
beruhen auf
der T r a n s p o s i t i o n der Präsensform auf andere Ebenen ":
"7) erzählend
-
Im Jahre 1831 kommt Heine nach Paris; 8) konstatierend
-
Ich
höre, du willst verr
eisen; 9) futurell
-
In einer Stunde geht mein Zug; 10)
imperativisch
-
Sie bleiben!" (Moskalskaja, 1983, 78). W.G. Admoni umreißt
die Gebrauchssphäre des Präsens folgenderweise: "…der Gegenwartsaugenblick
hängt organisch mit den vorhergehenden und nachf
olgenden Augenblicken
zusammen, bildet mit ihnen eine ununterbrochene Gegenwartslinie. Die meisten
Handlungen sind nicht punktuell, vollziehen sich nicht in einem Augenblick,
sondern in einer größeren oder kleineren Zeitspanne, und wenn der
Gegenwartsaug
enblick in diese Zeitspanne fällt, so wird sie als Ganzes zur
Gegenwart, die natürlich durch das Präsens bezeichnet wird" (Admoni, 1986,

23
192). Das ist die 2. (inklusive) Verwendungsweise des Präsens nach dem
Schema von O.I. Moskalskaja, die die Bedeutungsk
omponente (Sem)
"Erstreckung auf Vergangenheit und Zukunft" in ihrer Bedeutung beinhaltet
(Vater schläft). Von den Verfassern der "Grundzüge einer deutschen
Grammatik" wird der ähnliche Gedanke von dieser Gebrauchsweise des Präsens
in Sätzen ausgedrückt,
"deren Geschehen sich über eine längere Zeitspanne
erstreckt, wobei nur ein Zeitpunkt mit dem Redemoment zusammenfällt, darüber
hinaus aber ein Abschnitt der Vergangenheit und/oder der Zukunft einbezogen
wird" (Grundzüge, 1981, 513).



Die Nacht ist unertr
äglich. Wir können nicht schlafen, wir stieren vor uns
hin und duseln (Remarque, 81).


Die verbale Handlung stellt in diesem Fall ein Kontinuum dar, aber der
Verbalvorgang " kann sich auch mit Unterbrechungen vollziehen, und eine von
diesen Unterbrechungen
kann gerade mit dem Gegenwartsaugenblick, also mit
dem Redemoment, zusammenfallen
"
(Admoni, 1986, 192; s. auch Schmidt,
1966, 216). Dank der allgemeinen Kontinuität der Zeit spielt sich die Handlung
in der Gegenwart ab. Das gilt in erster Linie für die S
ätze in der Ich
-
Form
sowohl in der Einzahl als auch in der Mehrzahl.


Ich bin das Abrollen nicht mehr gewöhnt und reiße mir die Hand auf
(Remarque, 47).


Mitten in der Nacht erwachen wir (Remarque, 79).


"…der Gegenwartsaugenblick schmilzt hier so sehr mi
t seiner zeitlichen
Umgebung zusammen, dass für die gesamte Gegenwartslinie doch" das
Aufreißen und das Erwachen als die eigentliche Handlung und die Veränderung
des Zustandes erscheinen (Admoni, 1986, 192).


Auch bei der Bezeichnung von usuellen (iterativ
en) Handlungen mit
Gegenwartsbezug (die 3. Verwendungsweise nach der Klassifikation von O.I.
Moskalskaja) wird das Präsens gebraucht: "Auch die iterativen (sich
wiederholenden) Handlungen, wenn der Gegenwartsaugenblick in ihren Bereich
fällt, d.h. von ihne
n irgendwie umgrenzt wird, gehören als solche zur
Gegenwart" (Admoni, 1986, 192).


Oft ist es mir, als sei es die erschütterte, vibrierende Luft, die mit
lautlosem Schwingen auf uns übersprigt; oder als sei es die Front selbst, von der
eine Elektrizität a
usstrahlt, die unbekannte Nervenspitzen mobilisiert.


Jedesmal ist es dasselbe: wir fahren ab und sind mürrische oder
gutgelaunte Soldaten; dann kommen die ersten Geschützstände, und jedes Wort
unserer Gespräche hat einen veränderten Klang (Remarque, 44).


Der iterative Charakter der Aussage wird durch die entsprechenden
Zeitadverbien verstärkt, die den günstigen Kontext schaffen (oft, jedesmal
u.a.m.).

Das Präsens wird von W.G. Admoni "als die Ausgangs
-
und Normalstufe des
Temporalsystems", als "das unmitt
elbar Gegebene im System der Zeitformen"
betrachtet: "Deswegen ist es durchaus natürlich, wenn die Handlungen und

24
Sachverhalte, die in gleicher Weise zur Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft
gehören, eben von dem Präsens als der temporalen Normalstufe be
zeichnet
werden" (Admoni, 1986,193). Unter bestimmten Umständen kann also die
Präsensform auf eine andere Zeitebene transponiert (verschoben) werden, denn
"das Präsens ist also nicht auf den Redemoment beschränkt, sondern es umfasst
auch alle Zeitabschnitt
e, die durch den Augenblick des Redeaktes
hindurchlaufen" (Schmidt, 1966, 216), und verfügt über die Fähigkeit,
Bevorstehendes und Vergangenes zu bezeichnen. Die Präsensform bezeichnet
Zukünftiges "in Sätzen mit Zukunftsbedeutung, wobei Geschehen oder Sei
n
zum Redemoment erwartet werden ("futurisches Präsens"), z.B. in der
Vorausschau, als Ausdruck des Planens und Anweisens, unter Umständen mit
modaler Komponente" (Grundzüge, 1981, 513), d.h. die Verwendungsweisen 9
und 10 nach der Klassifikation von O.I.
Moskalskaja können mitunter
gemeinsam auftreten. Ähnlich auch bei J. Erben: "Auch künftiges Geschehen
wird mittels der 1. Stammform (des Präsens
-
W.M.) in Bewusstseinsnähe
gerückt, in den Erlebnisbereich des Sprechers und Hörers vorausschauend
einbezogen
. … Sie ist insbesondere ein Ausdrucksmittel des Planens, ja
Anordnens … sowie der Voraussage" (Erben, 1963, 34
-
35).


Das Sema "Zukunft" ("Nachzeitigkeit zum Redemoment") wird unter
dem Einfluss des Kontextes, von entsprechenden temporalen
Adverbialbest
immungen begleitet, aktualisiert. Das "futurische Präsens" drückt
auch Zukünftiges in Form einer Vermutung, einer Frage, einer schwächeren oder
stärkeren Aufforderung aus, meist in Verbindung mit Wörtern entsprechender
Bedeutung:


Müller sagt nachdenklich
: "…Wir werden doch wieder auf die Schulbank
müssen." Ich halte es für ausgeschlossen. "Vielleicht machen wir ein
Notexamen" (Remarque, 66). (Vgl. auch die 10. (imperativische)
Verwendungsweise des Präsens bei O.I. Moskalskaja (Moskalskaja, 1983, 78,
86)
.


Wenn es gilt, Verbalvorgänge oder Zustände zu beschreiben, bei denen
kein Eindruck der gegenwärtigen Geschehnisse, sondern die Empfindung
zeitlichen Abstandes besteht, kann der Sprechende/Schreibende auch zum
Präsens greifen. Dabei unterscheiden die Gra
mmatikforscher das Präsens zur
Bezeichnung des eben erst vergangenen und längst vergangenen Geschehens:
"Die Präsensform dient zur Schilderung eines eben abgelaufenen Geschehens,
sie bezeichnet etwas unmittelbar Vergangenes" (Schmidt, 1966, 217). Ähnlich
a
uch in der Duden
-
Grammatik: das Präsens wird gebraucht, "wenn der
Sprecher ein Geschehen, das vor seinen Augen gerade abgelaufen ist, schildern
will" (Duden
-
Grammatik, 1962, 108) (die konstatierende Verwendungsweise
nach O.I. Moskalskaja).


"Aber auch
wenn das Geschehen l ä n g s t v e r g a n g e n ist, können
für seine Schilderung die 1. Stammform und ihr Passiv gebraucht werden. Der
Sprecher vergegenwärtigt sich dann das Vergangene so lebhaft, dass er

25
unwillkürlich die sprachliche Form der Gegenwa
rt wählt (historisches Präsens)"
(Duden
-
Grammatik, 1962, 108). Vgl. auch: "Die Präsensform kann auch
verwendet werden, um länger Zurückliegendes zu bezeichnen. Das Tempus hat
dann die Aufgabe der lebhaften Vergegenwärtigung und wird im Wechsel mit
dem Im
perfekt gebraucht" (Schmidt, 1966, 217). (Siehe z.B. die Ballade "Der
Handschuh" von F. Schiller).


"Im modernen Deutsch werden Episoden, Kapitel, sogar ganze
Erzählungen und Romane im Präsens historicum geschrieben. Als Beispiel seien
"Im Westen nichts Ne
ues" von E.M. Remarque oder "Kleiner Mann
-
was nun?"
von Hans Fallada erwähnt. Auch in der Ballade ist das Präsens historicum die
vorherrschende Tempusform" (Gulyga, 1970, 97).


Dieses auf die Zeitebene des Vergangenheitstempus transponierte
(übertragene,
versetzte) Präsens (das Präsens historicum, das historische Präsens)
wird anders das berichtende Präsens, das Präsens der belebten Erzählung, die
"Tempusmetapher der gespannten Erzählung" (H. Weinrich) genannt. Die
Verfasser der "Grundzüge der deutschen G
rammatik" fassen unter einer Rubrik
alle Schattierungen der Vergangenheitsbedeutung in Sätzen zusammen, "wobei
Geschehen oder Sein als vor dem Redemoment verlaufend/statthabend
angenommen werden ("historisches Präsens"), z.B. in lebendiger
"vergegenwärt
igender" Schilderung vergangenen Geschehens, in der
Dokumentation" (Grundzüge, 1981, 513).


Aber die anderen Grammatikforscher gliedern aus dieser
Gebrauchsvariante jene Gebrauchsweise des historischen Präsens, die einen
registrierenden Charakter trägt, al
s selbständige Bedeutungsschattierung aus (die
7., erzählende Verwendungsweise des Präsens nach der Klassifikation von O.I.
Moskalskaja):


"In Chroniken, Geschichtstabellen usw. können die 1. Stammform und ihr
Passiv aber auch rein r e g i s t r i e r e n
d e n Charakter haben:


49 v. Chr.: Cäsar ü b e r s c h r e i t e t den Rubikon.


49 v. Chr.: Cäsar w i r d e r m o r d e t" (Duden
-
Grammatik, 1962, 108).

"In Chroniken und historischen Übersichten kann die Präsensform rein
registrierende Funktion hab
en, vgl. 1.9.1939: Hitler überfällt Polen" (Schmidt,
1966, 217).


Das Präsens kann auch zur Bezeichnung der zeitlich unbegrenzten und
immer gültigen Sachverhalte dienen: "Die Präsensform bezeichnet Sachverhalte,
die hinsichtlich der Zeit unbegrenzt sind un
d Allgemeingültigkeit haben. Man
bezeichnet diese Form auch als generelles Präsens. Es steht besonders oft in
wissenschaftlichen Lehrsätzen, Regeln, Sprichwörtern und allgemeinen
Feststellungen" (Schmidt, 1966, 217). "In der 1. Stammform und ihrem Passiv
w
ird …
[zeitlos] Allgemeingültiges, beständig oder unter bestimmten
Verhältnissen Wiederkehrendes ausgesagt. Deshalb bedienen sich Sprichwörter
und allgemeine Aussagen meist dieser Zeitform" (Duden
-
Grammatik, 1962,
108), vgl.: Nur der verdient sich Freihei
t wie das Leben, der täglich sie erobern

26
muss (Goethe, Faust); Kühe machen Mühe; die Botschaft hör' ich wohl, allein
mir fehlt der Glaube (Goethe, Faust). Der panchronische, "eben der (im
zeitlichen Sinne) allumfassende Charakter solcher Handlungen und Sac
hverhalte
macht es, dass sie auch für den Gegenwartsaugenblick aktuell und gültig sind"
(Admoni, 1986, 193). Hier setzt sich W.G. Admoni mit den Verfassern der
"Grundzüge einer deutschen Grammatik" auseinander, die dem Präsens in dieser
Gebrauchsweise den
Bezug zum Redemoment absprechen. Ihrer Meinung nach
tritt das Präsens "in Sätzen mit allgemeiner Geltung ohne unmittelbaren Bezug
zum Redemoment ("generelles Präsens"), z.B. in allgemeingültigen Äußerungen,
in wissenschaftlichen Darstellungen, aber auch zu
m Ausdruck des Usuellen, sich
Wiederholenden" auf (Grundzüge, 1981, 512). Statt der usuellen (iterativen)
Verwendungsweise könnte man eher die qualifizierende Verwendungsweise des
Präsens zum generellen Präsens rechnen, weil diese Bedeutungsschattierungen

über drei gleiche Seme verfügen: "Gültigkeit im Redemoment", "Erstreckung auf
Vergangenheit und Zukunft", "Beständigkeit der verbalen Charakteristik" und
die qualifizierende Einschätzung (vom Typ "Er ist klug") überdies unter
Umständen auch einen panchron
ischen Charakter tragen könnte.


Je nachdem, ob der Redemoment in die semantische Struktur des Präsens
mit eingeschlossen wird oder nicht, ob er überhaupt berücksichtigt wird,
unterscheidet E.J. Schendels dessen drei Arten: das inklusive, exklusive und
ne
utrale Präsens. Das inklusive Präsens schließt den Redemoment mit ein, das
exklusive Präsens schließt ihn aus. Das neutrale Präsens sieht vom zeitlichen
Bezug ab und tritt in drei Formen auf
-
qualifizierend, verallgemeinernd und
imperativisch (Schendels,
1970, 48
-
60).


Die Mannigfaltigkeit der Grund
-
und Nebenbedeutungen (der
Bedeutungsschattierungen) des Präsens veranlasst L. Weisgeber dazu, nur
vereinzelte Funktionen dieser Zeitform, ohne logische Verbindung
untereinander zu sehen. Die durchgeführten B
eobachtungen über das Wesen und
die Funktionen des Präsens lassen ihn schlussfolgern: "Je weiter wir es
durchdenken, um so unsicherer wird es, ob unser Präsens immer oder auch nur
vorwiegend zeitlich Gegenwärtiges meint" (Weisgerber, 1962, 325).


Andere Gr
ammatikforscher hingegen gehen von der Notwendigkeit aus,
die Grundbedeutung des Präsens zu erschließen und die gegenseitigen
Beziehungen zwischen seinen Verwendungsweisen aufzudecken. So z.B. meint
W. Schmidt bei der Behandlung des deutschen Tempussystems
, dass die
Weisgerbersche Betrachtungsweise dieser Problematik sich durch
atomisierendes Herangehen auszeichnet: "Nicht akzeptieren kann man …
Weisgerbers atomisierende Betrachtung der Funktionen der einzelnen
Tempusformen.
Wie bei der Behandlung des Präse
ns gleich gezeigt werden soll,
sind die Leistungen der ersten Stammform keineswegs so vereinzelt und
unzusammenhängend, dass man daran zweifeln müsste, ob es überhaupt ein
Präsens als einheitliche grammatische Form gibt. Der Fehler liegt eher bei
Weisgerb
er, der nicht erkennt, wie sich die verschiedenen Funktionen dieser

27
Form um eine zentrale Leistung gruppieren" (Schmidt, 1966, 215). Einen
ähnlichen Standpunkt vertritt auch W.G. Admoni: "Im Gegensatz zu der
Auffassung Weisgerbers, der in dem Gebrauch des
Präsens nur vereinzelte und
unzusammenhängende Funktionen sieht … stellt das Präsens auch vom
synchronischen Standpunkt aus ein kompliziertes, aber geschlossenes System
der Gebrauchsweisen und Bedeutungsschattierungen dar, das zu seinem
Mittelpunkt den "Ge
gewartsaugenblick", den zeitlichen Zusammenfall mit dem
Redemoment hat" (Admoni, 1986, 194).


Aus den Beispielen der Verwendungsweisen des Präsens ist ersichtlich,
dass eine grammatische Form mehrere Transpositionen zulassen kann. Das
Wesen der Transposit
ion besteht darin, dass die Form ihre "Einbettung" (ihre
typische sprachliche Umgebung) verlässt und in einen fremden Kontext versetzt
wird, der auf sie einen so großen Einfluss ausübt, dass die Form ihre
ursprüngliche Bedeutung (genauer gesagt, Verwendun
gsweise) einbüßt und
"besondere stilistische Verwendungsweisen der betreffenden Grammeme" (O.I.
Moskalskaja) entwickelt. O.I. Moskalskaja meint: "Jedesmal, wenn eine
Transposition vorliegt, entsteht eine Synonymie zwischen solchen Formen, die
im Paradi
gma des Verbes als Gegenglieder einer Opposition fungieren: Präsens
/ Präteritum, Perfekt; Präsens / Futur; Präsens Indikativ / Imperativ u.ä. Man
spricht in diesem Fall davon, dass die Opposition n e u t r a l i s i e r t
(aufgehoben) wird. Beim
erzählenden, konstatierenden und futurellen Präsens
wird die zeitliche Opposition: Präsens / Präteritum, Präsens/ Perfekt, Präsens /
Futur aufgehoben, beim imperativischen Präsens wird die Opposition: Imperativ
/ Nichtimperativ (in unserem Fall Präsens In
dikativ) aufgehoben" (Moskalskaja,
1983, 78
-
79).


Die Transposition ist gleichzeitig ein Mittel der Neutralisation und ein
Mittel der Synonymisation" (Schendels, 1970, 29).


Unter Synonymen versteht man in der Morphologie verschiedene
Wortformen, die ähnl
iche grammatische Bedeutung aufweisen, die sich aus dem
Sprachsystem ergibt oder die erst auf der Sprechebene unter der Einwirkung des
Wortzusammenhangs entsteht. Im ersteren Fall hat man es mit systemhaften
Synonymen, z.B. Perfekt
-
Präterit, im letzteren
Fall mit kontexualen
Synonymen, z.B: Präsens und Futur zu tun.


In Anlehnung an die Sprachtheorie von K. Bühler schlägt E.J. Schendels
vor, die ersteren zu den systembedingten und die letzteren zu den feldbedingten
Synonymen zu rechnen (Schendels, 1970, 3
0); in anderer Terminologie sind es
paradigmatische und paradigmatisch
-
syntagmatische Synonyme.


"Als p a r a d i g m a t i s c h e Synonyme können Grammeme gelten,
deren paradigmatische Bedeutung ähnlich ist. Die Annäherung zwischen ihnen
und die jeweili
ge teilweise Austauschbarkeit der Grammeme beruht auf der
Ähnlichkeit der darin enthaltenen Seme und setzt keine Transposition des
Grammems voraus" (Moskalskaja, 1983, 79). "Die paradigmatischen
Bedeutungen von zwei Formen fallen nie völlig zusammen, aber
es gibt Formen,

28
deren Semenbestand sehr ähnlich ist: Perfekt und Präteritum, Konjunktiv und
Konditionalis. Solche Formen kann man bedingt für systemhafte Synonyme
halten" (Schendels, 1970, 30).


Die p a r a d i g m a t i s c h
-
s y n t a g m a t i s c h
e n Synonyme
entstehen dagegen infolge von Transposition des Grammems in den
Verwendungsbereich seines Gegengliedes. Die Opposition, auf der die
Gegenüberstellung beider Gegenglieder beruht, wird dabei neutralisiert. Das
transponierte Grammem entwickelt da
bei eine Sonderbedeutung (syntagmatische
Bedeutung), die mit der paradigmatischen Bedeutung seines Gegengliedes
zusammenfällt. So werden zum Beispiel beim historischen und beim futurellen
Präsens die Oppositionen: Gegenwart / Vergangenheit, Gegenwart / Zuk
unft
neutralisiert" (Moskalskaja, 1983, 79
-
80). Hier muss man
den Unterschied
zwischen der primären und sekundären Funktion der grammatischen Form im
Auge haben, was seinen Ausdruck im asymmetrischen Dualismus des
sprachlichen Zeichens findet. Die Transpos
ition der grammatischen Funktion
besteht darin, dass "das Bezeichnende danach strebt, andere Funktionen als seine
eigene zu besitzen. Das Bezeichnete strebt seinerseits danach, um sich durch
andere Mittel ausdrücken zu können als sein eigenes Zeichen" (Kar
cevski, 1965,
90).


Mit anderen Worten, es werden jene syntagmatischen Möglichkeiten
aktualisiert, die in paradigmatischer Hinsicht potenziell vorhanden sind und bis
zum bestimmten Moment verborgen bleiben. E.J. Schendels meint dazu: "Bei
der Aktualisieru
ng der syntagmatischen Bedeutungen kann ein nebensächliches
Sem zum Hauptsem werden… Es kommt zu einem "Semenspiel" oder zu einer
"Semenumverteilung" (Schendels, 1970, 28).


Im paradigmatischen Aspekt sind die morphologischen Synonyme selten.
O.I. Moskalsk
aja schreibt darüber u.a. bei der Erforschung der
Präsensfunktionen: "Paradigmatische Synonyme hat das Präsens nicht: Alle
synonymischen Beziehungen des Präsens zu den anderen Temtusformen sowie
seine synonymischen Beziehungen zum Imperativ sind das Ergeb
nis stilistischer
Transposition" (Moskalskaja, 1983, 85).


Das Futur I und II können zum Beispiel in zwei Bedeutungen auftreten,
und zwar: 1) in der temporalen; 2) in der modalen. Beim absoluten Gebrauch
wird die paradigmatische Bedeutung des Futurs I
-
de
r Ausdruck der zukünftigen
Handlung
-
im neutralen Kontext realisiert. H. Brinkmann meint, dass die
Hauptbedeutung des Futurs I die Erwartung sei. Von dieser Bedeutung spalten
sich zwei scheinbar entgegengesetzte Varianten: die modale Bedeutung und die
der
Aufforderung ab, aber diesen Bedeutungen liegt auch die Erwartung zu
Grunde (Brinkmann, 1962, 325).


Die modale Bedeutung des Futurs I steht auch mit der Kategorie der
Person in Verbindung. Verschiedene Grammeme der Kategorie der Person beim
Futur werden
von L. Weisgerber verschiedenen modalen Feldern zugeschrieben:
"In der 1. Person kommt über den Zeitbezug hinaus noch etwas von dem

29
willensmäßigen Darangehen zum Vorschein: Ich werde mich darum kümmern.
Wir werden kommen.
-
In der 2. Person ist der Zeitbez
ug nur bei dem
Voraussagen stärker ausgeprägt:
Du wirst noch einmal im Gefängnis enden
;
häufiger ist die Verwendung als "Heischefutur", im Grunde also eine sehr
nachdrückliche Art des Befehlens:
Du wirst jetzt nach Hause gehen!
Als dritte
Verwendungsart
kommt hinzu:
Du wirst jetzt (wohl) Hunger haben
. Diese
letztere Art, der Ausdruck der Wahrscheinlichkeit, bestimmt vorwiegend den
Gebrauch der 3. Person:
Er wird jetzt (wohl) im Zuge sitzen
, durchweg ganz
ohne Zukunftsbedeutung" (Weisgerber, 1962, 325). I
n seiner modalen
Bedeutung drückt das Futur I die Modalität des Satzes aus, dabei verschiebt sich
auch die zeitliche Perspektive der Aussage: das Sema der Zukunft wird gelöscht,
und das Sema der Annahme und das Sema der Gegenwart werden aktualisiert,
z.B.
in den Sätzen:
In seinem Zimmer
brennt
noch Licht. Er
wird
noch
arbeiten
.

Durch den Gebrauch des Präsens im ersten Satz, durch den zeitlichen Plan der
Gegenwart werden die Bedingungen für die Aktualisierung der Annahme in der
Gegenwart im zweiten Satz gesc
haffen.


In seiner syntagmatischen Bedeutung kann das Futur I auch einen
kategorischen Befehl ausdrücken, was auch beim Präsens der Fall ist: "Die
Analogie zwischen dem 1. Futur und dem Präsens kann noch weiter verfolgt
werden, da auch das 1. Futur in den
Bereich des Imperativs transponiert werden
kann und wie das imperativische Präsens zum Ausdruck eines nachdrücklichen,
herrischen Befehls dient" (Moskalskaja, 1983, 87). Z.B.
Sie
gehen hinauf
und
legen sich nieder
… Aber jetzt
legen Sie sich nieder
,

schlafen Sie sich aus

"

(Zweig, 279);
"Sie
werden sofort aufstehen
!" flüsterte ich ihm leise, aber
befehlend
zu
( Zweig, 304).


"Die imperativische Bedeutung des 1. Futurs ist eine

s y n t a g m a t i s c h
e Bedeutung. Sie wird durch die Intonation der
Aufforderung geprägt und ist der 2. Person Sg. / Pl. und der Höflichkeitsform
eigen" (Moskalskaja, 1983, 88).


Die Vieldeutigkeit dieser Art führt zur morphologischen Synonymie, die
von E.J. Schendels s
o definiert wird: "D i e S y n o n y m e i n d e r

M o r p h o l o g i e s i n d G e g e n g l i e d e r v o n O p p o s i t i o n e n
m i t n e u t r a l i s i e r t e n d i s t i n k t i v e n M e r k m a l e n. Sie
v
erfügen über den gleichen (oder ähnlichen) denotativen und den
unterschiedlichen konnotativen Gehalt" (Schendels, 1970, 40).


Die morphologische Synonymie entsteht durch die Überschneidung des
Semenbestandes verschiedener Wortformen in deren verschiedenen
Bedeutungen. E.J. Schendels unterscheidet dabei drei Arten der synonymischen
Beziehungen:


1. Die paradigmatische Bedeutung einer grammatischen Form fällt mit der
paradigmatischen Bedeutung einer anderen grammatischen Form zusammen.
Solche Synonyme gehören
ins System der Grammatik. Diese Formen sind
kontextfreie Formen, weil sie auf den Kontext nicht angewiesen sind. Die

30
Synonymie dieser Art ist aus dem Minimalkontext (neutralen Kontext)
ersichtlich. Als Beispiel für systemhafte Synonyme können das Perfekt
und das
Präteritum dienen, die das gemeinsame Hauptsem "Ablauf vor dem
Redemoment" besitzen.


"Ich
wusste
gar nicht, dass Sie in Moskau weilen."


"Ja, ich
bin
gestern
eingetroffen
, ich meine …heute"
(Videofilm).


Statt der Form "wusste" könnte die Form "ha
be gewusst" stehen.


"Jede dieser Formen hat aber ihre sekundären Bedeutungen, wo die
Synonymie aufgehoben wird. Das Perfekt kann die Vorzeitigkeit in der Zukunft
bezeichnen … und das Präterit hat in der erlebten Rede die Bedeutung der
Gegenwart oder Zukun
ft" (Gulyga, 1970, 39).




2. Die paradigmatische Bedeutung einer grammatischen Form fällt mit der
syntagmatischen Bedeutung einer anderen grammatischen Form zusammen. Als
Beispiel können die Hauptbedeutung des Futurs II und die Nebenbedeutung des
Perfekts
, verschiedene Mittel zum Ausdruck der Aufforderung (einerseits der
Imperativ, andererseits das Präsens und das Futur 1) dienen. Wie aus dem
letzten Beispiel ersichtlich ist, kann eine synonymische Reihe mehr als zwei
Wortformen enthalten. In der synonymi
schen Reihe kann eine Form dominieren.
Das ist die Form, die entsprechende paradigmatische Bedeutung zum Ausdruck
bringt. Jedes Glied der synonymischen Reihe wirkt in seiner eigenen
Gebrauchssphäre.



3. Die syntagmatische Bedeutung einer grammatischen For
m fällt mit der
syntagmatischen Bedeutung einer anderen grammatischen Form zusammen, z.B.
die sekundären Bedeutungen des Präsens und des Futurs I beim Ausdruck der
Aufforderung zu einer Handlung.


Präsens
Futur I

"So, jetzt habe ich angeläutet, Gewaltsam packte ich seine Hand

der Portier wird gleich kommen, und presste die Banknoten hinein.

Sie gehen hinauf und legen
"Sie
werden
das Geld
nehmen
und

sich ni
eder
"
(Zweig, 279).
sofort hinaufgehen
!"
(Zweig, 279)



Die 2. und 3. Gruppe morphologischer Synonyme gehören zu den
kontextbedingten Synonymen (nach der Definition von E.J. Schendels
(Schendels, 1970, 30).


In den Erscheinungen der gramma
tischen Synonymie und Vieldeutigkeit
kommt die Asymmetrie (das Missverhältnis) des sprachlichen Zeichens zum
Ausdruck. Ein und dieselbe grammatische Form kann mehrere Bedeutungen
ausdrücken, ein und dieselbe Bedeutung kann durch mehrere Formen
ausgedrückt
werden, d.h. die Ausdrucksebene und die Inhaltsebene gehen
auseinander.


31

Führen wir Beispiele für die Vieldeutigkeit des deutschen Dativs an. Der
deutsche Dativ ist vieldeutig. Er kann u.a. folgende Bedeutungen haben:


dativus commodi
-
incommodi:
der Dativ des Standpunktes

Die Stunde der Befreiung hat ihm Das ist mir zu hoch.

geschlagen
.



dativus auctoris adnominaler possessiver Dativ

"
Sei mir gegrüßt, Vaterlandserde!"
Meiner Mutter ihr Sohn

(F. Schiller) repariert sich das allein"


(A. Seghers, 67).



Zeit
Zugehörigkeit

Im folgenden Winter traf er Franz fragte ihn, ob er mal

Georg bei der Januardemonstration ein paar Photographien vom

(A. Seghers,
67)
Ferienlager sehen wollte

(A. Seghers, 6
7).

Ort

Er passte Elli montags am Büro ab.


(A. Seghers, 71).



Sie
he Beispiele für die Synonymie der grammatischen Formen auf S. 20
(Gulyga, 1970, 37).


Grammatische Bedeutungen und grammatische Formen treten in
verschiedenen Beziehungen zueinander.



§
4




Die Wortarten


1.

Das Wesen der Wortarten; Begriff und Funktionen der Wortarten;

2.

Die Klassifikation der deutschen Wortarten:

a) in der deutschen Germanistik;

b)

in der vaterländischen Germanistik;

3.

Die Einteil
ung der Redeteile in der vaterländischen Russistik (nach V.W.
Winogradow);

4.

Strittige Fragen der Wortartentheorie;

5.

Der Austausch zwischen den Wortarten (der Übergang einer Wortart in die
andere).





32

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Die Kategorie der Wortarten bzw. Wortklassen ist für die gesamte
Grammatikforschung von großer Bedeutung. Einheitlich sind die Sprachfor
scher

34
nur in der Frage, dass sich der gasamte Wortschatz einer Sprache in Wortarten
gliedert, aber „das Wesen der Wortarten oder der Wortklassen wird von den
Linguisten unterschiedlich beurteilt“ (Abramow, 2001, 25). „Die grammatische
Einordnung und Klass
ifizierung der ungeheuren Masse von Wörtern, über
welche jede Sprache verfügt, gehört zu den schwierigsten Aufgaben der
Sprachwissenschaft. Der für die spra
сhlichen Erscheinungen
überhaupt
charakteristische Aspektreichtum macht sich beim Wort im höchsten Grade
geltend und widersetzt sich den Versuchen, eine solche Einordnung auf Grund
eines einheitlichen Kriteriums durchzuführen“ (Admoni, 1986, 69). O.I.
Mos
kalskaja betrachtet die Kategorie der Wortarten als eine klassifizierende
Kategorie. Diese Kategorie „ordnet den Wortschatz in Wortklassen (Substantive,
Adjektive, Verben usw.) und ermöglicht somit die Beschreibung seines
Funktionierens beim Sprechen. Wor
tarten sind Wortklassen, in die die
Grammatik den Wortschatz einer Sprache gliedert“ (Moskalskaja, 1983, 41). Die
Duden
-
Grammatik definiert den Begriff „Wortart“ auf ähnliche Weise: “Jedes
Wort unseres Sprachschatzes gehört einer Gemeinschaft anderer Wörte
r gleicher
Art an, die man als W o r t a r t bezeichnet“ (Duden
-
Grammatik, 1962, 77). Auf
die Lehrsätze des Neohumboldtianismus stützend, fügen die Verfasser der
Duden
-
Grammatik hinzu: „Die Wörter einer Wortart kennzeichnen entweder die
Welt, die durch
die Sprache in unser geistiges Bewusstsein gerückt wird, in
einer ihnen eigentümlichen Weise, oder sie tragen durch ihren gleichbleibenden
Auftrag im Satze dazu bei, die Einzelinhalte in Verbindung mit der Formenwelt
zu einer Ganzheit zusammenzufügen“ (Du
den
-
Grammatik, 1962, 77). B.A.
Abramow meint zu diesem Problem folgendes: „Der Wortschatz bzw.
Wortbestand jeder Sprache kann als ein System allerdings von einem
komplizierten Aufbau angesehen werden. Dieses System besteht aus vielen
Tausenden unterschied
lich gearteter Elemente, die untereinander durch
mannigfaltige Beziehungen verbunden sind. … die Elemente des Wortbestandes
lassen sich zu verschiedenartigen Klassen zusammenfassen, je nachdem unter
welchem Gesichtspunkt sie gruppiert werden. Eine der mö
glichen Einteilungen
ist die Gliereung des Wortschatzes in Wortarten oder Wortklassen, früher
Redeteile genannt (partes orationis)“ (Abramow, 2001, 25). Im „Linguistischen
enzyklopädischen Wörterbuch“ werden unter den Wortarten Klassen der Wörter
einer
Sprache verstanden, die gleiche syntaktische, morphologische
und semantische Eigenschaften aufweisen (
Лингвистический
энциклопедический словарь, 1990, 578).


Die Geschichte der Wortartenfrage geht weit ins Altertum zurück, und die
Einteilung des Wortbestandes der deutschen Sprache in Wortarten (Redeteile,
Wortklassen) bleibt bis heute in der Grammatikfors
chung ein aktuelles Problem.

Das Problem der Wortarten stellt nicht nur theoretisches Interesse dar,
sondern es ist auch für die praktische Grammatik von großer Bedeutung. Das
Wesen der Wortarten wird von den Fachleuten unterschiedlich betrachtet, denn
"
die Vielseitigkeit, ein Merkmal alles Sprachlichen, erschwert auch diese

35
Einordnung nach einem einheitlichen, rein grammatischen Gesichtspunkt" (Jung,
1967, 170). In dieser Frage gehen die Meinungen der Linguisten beträchtlich
auseinander. O.I. Moskalskaja
meint dazu: "Es wird oft als ein Mangel
hervorgehoben, dass bei der Aufgliederung des Wortschatzes in Wortarten
entgegen den allgemeinen Klassifikationsregeln drei verschiedene Merkmale
(das semantische, syntaktische und morphologische Kriterium) geltend
gemacht
werden. … Der Hauptmangel der herkömmlichen Klassifikation besteht also
darin, dass der Einteilung kein einheitliches Scheidungsmerkmal zu Grunde
liegt" (Moskalskaja, 1983, 42). Als bestimmendes Kriterium bei der
Ausgliederung der Wortarten gilt d
as funktionale: "Die Zugehörigkeit des
Wortes zu einer bestimmten Wortart wird durch den Charakter seines
Funktionierens in der Sprache bestimmt" (Moskalskaja, 1983, 41). "Wie man die
Art der Wortklassen beurteilt, hängt davon ab, an welches Einteilungspri
nzip
dabei in erster Linie gedacht wird" (Abramow, 2001, 25). Es sei schon
vorweggenommen, dass sich der ganze Grundstock unterschiedlicher
Einteilungsgesichtspunkte auf eine bestimmte Anzahl reduzieren lässt. So
verweist W. Schmidt darauf, dass "schon von
mehr als 2000 Jahren mindestens
vier Gesichtspunkte bei der Gruppierung der Wortarten beachtet worden sind:
die begrifflich
-
kategoriale Prägung, die Sachbedeutung, die morphologische
Struktur und die syntaktische Verwendung. Diese Klassifikationsprinzipie
n
werden bis zum heutigen Tage angewandt" (Schmidt, 1966, 56
-
57).


Bei der Klassifikation der deutschen Wortarten gehen L.R. Sinder und
T.V. Strojewa von zwei Prinzipien aus:


1) vom syntaktischen Prinzip, nach dem selbständige und Hilfswortarten
unterschi
eden werden;


2) vom morphologischen Prinzip. Vom morphologischen Standpunkt aus
werden die deutschen Wortarten in veränderliche und in unveränderliche
eingeteilt (Sinder, Strojewa, 1957, 60).


H. Glinz legt seiner Klassifikation der deutschen Wortarten ha
uptsächlich
die allgemein
-
begriffliche Bedeutungskomponente der Wörter zu Grunde (Glinz,
1965, 53 ff).


H. Brinkmann betrachtet das System der Wortarten von dem Inhalt, dem
Formenkreis und der syntaktischen Leistung her, d.h. vom semantischen,
morphologisc
hen und syntaktischen Standpunkt aus (Brinkmann, 1971, 16
-
40;
198
-
262).


M.D. Stepanowa und G. Helbig vertreten auch diesen Standpunkt: "Wir
halten es für notwendig, bei der Charakteristik der Wortarten (unabhängig
davon, ob sie als selbständige Klassen er
scheinen oder ob sie anderen Klassen
untergeordnet werden) von einheitlichen Kriterien auszugehen und folgende
Kriterien zu benutzen:

1)

das semantische Kriterium,

2)

das syntaktische Kriterium,

3)

das morphologische Kriterium"


36

(Stepanowa, Helbig, 1978, 58).

Vgl. die ausgesonderten Kriterien mit der Klassifikation von W.G. Admoni, die
auch einen grammatisch
-
semantischen Charakter trägt. W.G. Admoni stellt die
folgenden drei Hauptkriterien zur Einteilung der Wortarten auf:
"1. die
syntaktische Funktion, 2. die morphologische Struktur des Wortes, 3. die
abstrahierte Bedeutung" (Admoni, 1986, 71). Der Grammatikforscher spricht
einem einzigen Kriterium die dominierende Stellung ab und betont, dass diese
drei miteinander eng ver
bundenen Hauptkriterien bei der Worteinteilung in der
deutschen Grammatik berücksichtigt werden müssen.


"Die in der deutschen Grammatik herkömmliche Unterscheidung von 10
oder 9 Wortarten (je nachdem ob der Artikel als besondere Wortart angesehen
oder ob
er zum Pronomen gezählt wird) beruht auf der g l e i c h z e i t i g e n
Anwendung von d r e i v e r s c h i e d e n e n E i n t e i l u n g s p r i n
-

z i p i e n", und zwar der m o r p h o l og i s c h e n S t r u k t u r de
s
Wortes, der S a c h b e d e u t u n g (dem semantischen Gehalt)
und der s y n t a k t i s c h e n V e r w e n d u n g der Wörter
(Schmidt, 1966, 58).


L.Sütterlin hat den Versuch unternommen, nach den un
terschiedlichen
Kriterien
-
dem morphologischen, syntaktischen und semantischen
-
drei
unterschiedliche Einteilungsklassifizierungen zu schaffen (Sütterlin, 1900, 76 ff).
Zum Unterschied von L. Sütterlin hält H. Paul die Möglichkeit, ein System der
Redetei
le von einem einheitlichen Standpunkt aus aufzustellen für unhaltbar,
weil seiner Meinung nach "der Versuch, ein streng logisch gegliedertes System
aufzustellen, … überhaupt undurchführbar ist" (Paul, 1898, 327;
Пауль
, 1960,
415).


Viele Sprachforscher leg
en der Klassifikation der Wortarten das
lexikalisch
-
grammatische Einteilungsprinzip zu Grunde: "Die Wortarten
(Redeteile) sind lexikalisch
-
grammatische Gruppen von Wörtern" (Gulyga,
1970, 43). "Als Hauptprinzip bei der Einteilung der Wörter in Wortarten s
ieht
M.D. Stepanowa das lexikalisch
-
grammatische Prinzip an, d.h. sie berücksichtigt
in erster Linie ihre lexikalisch
-
kategorialen Besonderheiten…" (Stepanowa,
Helbig, 1978, 38). "Der gesamte Wortschatz einer Sprache gliedert sich in
Wortarten, die sich te
ils nach lexikalischen, teils nach grammatischen
Merkmalen unterscheiden. Jede Wortart besitzt ihre lexikalischen,
morphologischen und syntaktischen Eigenschaften", meint E.J. Schendels
(Schendels, 1982, 12). W. Schmidt ist auch der Meinung, "dass die Wort
art als
eine lexikalisch
-
grammatische Kategorie angesehen werden muss, die aus der
objektiven Realität durch Anschauung und Beziehungsdenken gewonnen ist"
(Schmidt, 1966, 54). Aber auch andere Einteilungsgesichtspunkte sind möglich.
So z.B. betrachten W.G.
Admoni, O.I. Moskalskaja die Wortarten als
grammatische Klassen von Wörtern. W. Schmidt hebt in dieser Beziehung
hervor: "Die Einteilung der Wortarten und die Zahl der Klassen hängt davon ab,
welche Einteilungsprinzipien angewendet bzw. vorrangig beachte
t werden." Und

37
etwas weiter: "Es erweist sich, dass die traditionelle Grammatik im Recht ist,
wenn sie die Klassifizierung der Wortarten nach verschiedenen
Einteilungsgesichtspunkten vornimmt" (Schmidt, 1966, 71). W. Schmidt hält
sich an die Klassifikation
der Wortarten nach einigen Kriterien, weil man bei der
konsequenten Verwendung des einheitlichen Kriteriums eine Klassifikation nicht
geben kann, die alle Besonderheiten der entsprechenden Wortarten
berücksichtigt. Der herkömmlichen Grammatik werden Vorwü
rfe gemacht, dass
sie eine Klassifikation der Wortarten nicht nach einem einheitlichen, sondern
nach heterogenen Kriterien vornimmt: "Die herkömmliche Wortarteneinteilung
krankt daran, dass zu verschiedene Kriterien sich überkreuzen" (Glinz, 1965,
53). Di
e Einteilung des Wortschatzes in Wortarten stellt ein Problem dar, an
dessen Lösung seit dem Altertum gearbeitet wird. Seit der Antike gibt es auch
weit auseinandergehende Data über die Zahl der Wortarten. Die Zahl der
aufgestellten Wortarten kann von der
Art der angewandten Einteilungsprinzipien
abhängen. Die Wortart als eine sprachliche Kategorie muss eine Einheit von
gemeinsamen Funktionsmerkmalen und der Form darstellen: "Nur dort, wo eine
Gruppe von Wörtern durch eine gemeinsame Allgemeinbedeutung u n
d durch
gemeinsame formal
-
grammatische Merkmale gekennzeichnet ist, darf man von
Wortarten sprechen" (Isačenko, 1962, 11).


Unter der Sprachforschern besteht keine Meinungseinhelligkeit über die
Zahl der Wortarten; seit der nachvollziehbaren Zeit der Ant
ike schwankt sie
"zwischen 2 und 15 und wird innerhalb dieser Grenzwerte noch mit 3, 4, 5, 6, 7,
8, 9, 10 und 13 bestimmt" (Schmidt, 1966, 55). In den deutschen Grammatiken
ist ein breites Spektrum von Ansichten über die Zahl der Wortarten anzutreffen.
"…w
ährend die älteren Grammatiken, einschließlich der "Kleinen Grammatik
der deutschen Sprache" von Walter Jung, die traditionellen 10 Wortarten
vorführen, finden sich im "Abriss der deutschen Grammatik" von Johannes
Erben nur 5 Klassen, im "Deutschen Sprachb
au" von Wladimir Admoni dagegen
13 und in der Mannheimer "Grammatik der deutschen Gegenwartssprache" in
Anlehnung an H. Glinz 6!" stellt W. Schmidt fest (Schmidt, 1966, 36).


Die meisten neueren deutschen Grammatiker vertreten die Ansicht, dass
die herköm
mliche grammatische Beschreibung der Wortarten deswegen
wissenschaftlich nicht haltbar ist, weil sie nicht auf einem einheitlichen Prinzip,
sondern auf einem Konglomerat von Prinzipien aufgebaut ist. Für das Deutsche
schlägt L. Sütterlin die Klassifizierun
g der Wortarten vor, die vier Haupt
-
Wortarten enthält: Substantive (einschließlich der Personalpronomen),
Adjektive, Verben, Partikeln (Sütterlin, 1918, 99). H. Paul äußert sich skeptisch
über die Möglichkeit, jedes Wort einer bestimmten Klasse zuzuschre
iben, indem
er behauptet, dass drei folgende Aspekte dazu beigetragen haben, das derzeitige
Einteilungssystem der Wortarten zu ermitteln: 1) die B e d e u t u n g des
Wortes selbst, 2) seine F u n k t i o n e n i m R a h m e n d e s

S
a t z e s und 3) seine Besonderheiten auf dem Gebiet der F l e x i o n und der
W o r t b i l d u n g (Paul, 1960, 415).


38

Was die Zahl der Wortarten anbetrifft, die von den einzelnen
Grammatikforschern ausgegliedert werden, werden 9
-
10 Wortklassen am
häufigsten erwähnt (Abramow, 2001, 26). B.A. Abramow schreibt über das
komplexe Prinzip der Wortarteinteilung, "das gestattet, semantische,
morphologische und syntaktische Eigenschaften der Wörter als Kriterien zur
Gewinnung von Wortklassen heranzuziehen.
Auf diesem Prinzip basieren die
Systeme der Wortklassen, die innerhalb der traditionellen Grammatik
vorgeschlagen worden sind.


Da aber dieses Prinzip von den einzelnen Linguisten recht unterschiedlich
gehandhabt wird, gelangt man natürlich zu verschieden
en Ergebnissen"
(Abramow, 2001, 29); es herrscht keine Meinungseinigkeit in Bezug auf die
Zahl der Wortarten im Deutschen: "…man vermehrt oder verringert die Zahl je
nachdem, ob man einige Wortarten in eine Gruppe zusammenfasst oder getrennt
behandelt"
(Schendels, 1982, 12
-
13). E.J. Schendels hält es für zweckmäßig,

"12 Wortarten zu unterscheiden, die sich auf drei Gruppen verteilen: I.
Vollwörter oder selbständige (autosemantische) Wortarten (=Autosemantika).
Dazu gehören: das Substantiv, das Adje
ktiv, das Pronomen, das Numerale, das
Verb, das Adverb, das Modalwort. …II. Hilfswörter (Dienstwörter,
Funktionswörter), unselbständige (synsemantische) Wortarten (= Synsemantika):
die Präposition, die Konjunktion, die Partikel, der Artikel. …III. Eine
isolierte
Stellung nimmt die I n t e r j e k t i o n ein" (Schendels, 1982, 13).


E.W. Gulyga und M.D. Natanson sondern sieben selbständige Wortarten
und zwei Hilfswortarten aus. Zu den selbständigen Wortarten (7) gehören das
Substantiv (das Hauptwort,
das Dingwort), das Adjektiv (das Eigenschaftswort,
das Beiwort), das Numerale (das Zahlwort), das Pronomen (das Fürwort), das
Verb (das Zeitwort, das Tätigkeitswort), das Adverb (das Umstandswort) und die
Modalwörter. Zu den Hilfswortarten (2) gehören die
Präposition (das
Verhältniswort, das Vorwort) und die Konjunktion (das Bindewort). Die
Interjektion (der Empfindungslaut) nimmt als zehnte Wortart einen ganz
besonderen Platz unter den Redeteilen ein und wird getrennt betrachtet. "Außer
den selbständigen u
nd Hilfswortarten bestehen in der Sprache die sogenannten
Partikeln (die grammatischen und modalen)" (Gulyga, Natanson, 1957, 21). Die
Partikeln werden also zum Bestand der Wortarten nicht gerechnet. Dasselbe gilt
auch für den Artikel, "die grammatische Pa
rtikel, die das Substantiv begleitet
und die Zugehörigkeit des Wortes zur Klasse der Substantive, Geschlecht,
Kasus, und Zahl des Substantivs, die Bedeutung der Bestimmtheit und
Unbestimmtheit, die das Substantiv in der Rede bekommt, anzeigt" (Gulyga,
Nata
nson, 1957, 61). Als Merkmale der Wortarten als Ränge von Wörtern
werden aufgeführt: 1) ihre verallgemeinerte lexikalische Bedeutung, 2) ihnen
eigene grammatische Kategorien, 3) ihre bestimmte syntaktische Funktion im
Satz, 4) die Kombinierbarkeit mit ande
ren Wortarten, 5) ihre bestimmte
Wortbildungsform (Gulyga, Natanson, 1957, 20). In ihrer späteren Arbeit nennt
E.W. Gulyga ähnliche Klassifikationsprinzipien für die Wortarten. Aus dem

39
Vergleich mit der oben aufgeführten Klassifikation ergibt sich, dass da
s vierte
Merkmal "die Kombinierbarkeit mit anderen Wortarten" durch den Begriff der
Fügungspotenz ersetzt wird.


"Folgende Merkmale charakterisieren die Wortarten:


1. Allgemeinbedeutung: Gegenständlichkeit, Handlung, Eigenschaft. Die
Allgemeinbedeutung be
dingt die Fähigkeit der Substantive, der Verben, der
Adjektive, diese Erscheinungen zu benennen. Andere Wortarten drücken
Beziehungen aus,


2. Grammatische Kategorien und die Fähigkeit der Wortformveränderung,


3. Fügungspotenz (Fügungswert),


4. Syntaktis
che Funktion,


5. Wortbildende Affixe" (Gulyga, 1970, 43).


In den Bestand der selbständigen Wortarten werden sechs Wortarten
einbezogen. Diese sechs vollbenennenden Wortarten "bilden die erste Schicht im
System der Wortarten" (ebenda). Aus der früheren K
lassifikation der
selbständigen Wortarten werden die Modalwörter ausgeschlossen, die als zweite
Schicht im System der Wortarten eingestuft werden. "Die dritte Schicht von
Wortarten bilden Fügewörter, zu denen die Präpositionen (Verhältniswörter) und
die Ko
njunktionen (Bindewörter) gehören; dazu können auch Partikeln
gerechnet werden (modale und grammatische). Zur vierten Schicht gehören die
Interjektionen (Empfindungslaute)" (Gulyga, 1970, 43
-
44). Also beträgt die
Gesamtzahl der von E.W. Gulyga ausgesondert
en Wortarten elf.


O.I. Moskalskaja nimmt folgende Einteilung des Wortschatzes in
Wortarten vor und sondert dementsprechend vierzehn Wortarten aus:


I. "Eigentliche Wortarten (Autosemantika)

a)

benennende oder nominative

1.

S u b s t a n t i v

2.

V e r b

3.

A d j e k
t i v (einschließlich der qualitativen Adverbien)

4.

A d v e r b

b) verweisende

5.

P r o n o m e n

c) zählende

6.

N u m e r a l e

II. Funktionswörter (Synsemantika)

a)

mit syntaktischer Funktion

7.

P r ä p o s i t i o n

8.

K o n j u n k t i
o n

9.

K o p u l a

10.

P a r t i k e l

b) mit morphologischer Funktion

11.

A r t i k e l

12.

H i l f s v e r b


40
III. 13. M
o d a l w o r t

IV. 14. I n t e r j e k t i o n" (Moskalskaja, 1983, 50).



In der Forschung von M.D. Stepanowa, die der Wortbildung der deutschen
Gegenwartssprache gewidmet ist, werden die Wortarten in Hinblick auf ihre
Wortbildungsmöglichkeit
en ausgegliedert. Es werden traditionsgemäß die

b e n e n n e n d e n Wörter (Substantiv, Adjektiv, Numerale, Pronomen,
Verb, Adverb) und die H i l f s w ö r t e r (Präposition, Konjunktion,
Artikel) ausgesondert. Die M o d a
l w ö r t e r und die I n t e r j e k t i o n e n
unterscheiden sich sowohl von den benennenden als auch von den Hilfswortarten
und werden als besonderer Typ von Wörtern eingestuft. Die Partikeln bleiben
außerhalb der Betrachtung, sie werden als beson
dere Wortart nicht
berücksichtigt. Insgesamt werden also elf Wortarten ausgegliedert (Stepanowa,
1953, 20
-
23; 92; 202; 258; 264; 269; 328; 342; 353; Stepanowa, Helbig, 1978,
38).


W.G. Admoni widerlegt die Auffassung, dass "ein wissenschaftlich
befriedigen
des System der Redeteile für eine beliebige Sprache überhaupt
unmöglich sei, da das Wort eine zu komplizierte und vielseitige grammatische
Einheit darstelle" (Admoni, 1986, 69). Der Sprachforscher gibt zu: "Es besteht
kein Zweifel, dass auch bei der sorgf
ältigsten und methodisch einwandfreien
aspektmäßigen Behandlung des Materials manches auf dem Gebiete der
Klassifizierung des Wortbestandes fragwürdig und strittig bleiben wird"
(ebenda). "W.G. Admoni akzeptiert nun alle zehn Wortarten der traditionellen

Grammatik, wobei auch er der Interjektion aus den bekannten Gründen eine
Sonderstellung einräumt. Aber das Neue bei ihm ist, dass er den zehn
überkommenen Wortklassen noch drei weitere hinzufügt, nämlich 1. die
Negation (Verneinung), 2. das Modalwort und
3. die Partikel (Füllwort)"
(Schmidt, 1966, 69), wodurch W.G. Admoni "einen beachtenswerten Beitrag
zum Problem der Wortarteinteilung liefert" (Schmidt, 1966, 68).


W.G. Admoni vertritt den Standpunkt, es komme nicht darauf an, mit der
herkömmlichen Gram
matik zu brechen, sondern zu versuchen, das System der
traditionellen Grammatik weiterzuentwickeln, zu zeigen, dass "einzelne
Abänderungen im System der traditionellen Morphologie keineswegs einen
Umbau des ganzen Systems erfordern" und "selbst wenn man vo
n verschiedenen
Voraussetzungen ausgeht, kann man also nicht umhin, bei der Behandlung
solcher Sprachen wie z.B: der germanischen mehr oder weniger in die
Fußstapfen der traditionellen Grammatik zu treten. Es ist das Material selbst, das
dazu zwingt" (Adm
oni, 1986, 70).


Der Sprachforscher unterbreitet den Vorschlag, im Deutschen dreizehn
Redeteile zu unterscheiden:



" 1. Das Substantiv (Hauptwort);



2. Das Adjektiv (Eigenschaftswort);



3. Das Numerale (Zahlwort);


41


4. Das Pronomen (Fürwort);



5. Die Negation (Verneinung);



6. Das Verb (Zeitwort, Tätigkeitswort)



7. Das Adverb (Umstandswort);



8. Das Modalwort;



9. Der Artikel (Geschlechtswort);



10. Die Präposition (Verhältniswort);



11. Die Konjunktion (Bindewort);



12
. Die Partikel (Füllwort);



13. Die Interjektion (Empfindungswort)" (Admoni, 1986, 72).


Aus diesen Ausführungen ist ersichtlich, dass die Klassifizierungen des
deutschen Wortgutes nach Wortarten trotz der Gemeinsamkeit der
Grundkriterien in der vaterlän
dischen Germanistik eine bestimmte Heterogenität
aufweisen. "In den Arbeiten der Periode in den 30
-
er bis zu den 70
-
er Jahren
herrschte im wesentlichen die Gliederung des deutschen Wortschatzes in 9 oder
10 Wortarten vor" (Stepanowa, Helbig, 1978, 37).


Al
s Beispiel sei die Klassifikation der deutschen Wortarten angeführt, die
von L.R. Sinder und T.W. Strojewa anerkannt wird. Sie teilen die
weitverbreitete Ansicht über den Bestand der Wortarten im Deutschen: "Von
allen wird das Vorhandensein folgender Wor
tarten in der deutschen Sprache
akzeptiert, die vom syntaktischen Standpunkt aus in s e l b s t ä n d i g e:

S u b s t a n t i v, A d j e k t i v und N u m e r a l e, P r o n o m e n, V e r b,
A d v e r b, I n t e r j e k t
i o n und H i l f s w o r t a r t e n: P r ä p o
-

s i t i o n, K o n j u n k t i o n eingeteilt werden. Vom morphologischen
Standpunkt aus werden sie in v e r ä n d e r l i c h e: S u b s t a n t i v,
A d j e k t i v
und N u m e r a l e; P r o n o m e n und V e r b und
u n v e r ä n d e r l i c h e Wortarten: A d v e r b, P r ä p o s i t i o n,
K o n j u n k t i o n und I n t e r j e k t i o n eingeteilt" (Sinder, Strojewa, 19
57,
60).


Die Aussonderung des Artikels als Wortart lehnen L.R. Sinder und T.W.
Strojewa ab, weil das sich nur durch grammatische Tradition erklären lässt und
im Grunde genommen ungerechtfertigt ist. "Der Artikel hat keine selbständige
lexikalische B
edeutung, sondern dient nur als M e r k m a l
d e s S u b s t a n t i v s … Indem der Artikel als isoliertes Wort auftritt,

b i l d e t e r k e i n e G r u p p i e r u n g" (Sinder, Strojewa, 1957, 61). Die
Verfasser gehen auch an die Lösung der Frage nach der

Z u s t a n d s k a t e g o r i e heran, an das Problem, das in der traditionellen
deutschen Grammatik noch keinen Platz gefunden hat. L.R. Sinder und T.W.
St
rojewa sind der Meinung, dass "obwohl sich im Deutschen eine solche
besondere Gruppierung von Wörtern bemerkbar macht, die der russischen
Zustandskategorie nahesteht, gibt es doch für ihre Aussonderung vorläufig keine
ausreichenden Begründungen" (Sinder,
Strojewa, 1957, 61). In ihrem Buch
setzen sich die Verfasser mit der Problematik des Artikels, der

42
Zustandskategorie, der Modalwörter, der Partizipien, der Pronominaladverbien
auseinander, die vor ihnen kein Gegenstand der genaueren Untersuchung
gewesen s
ind.


Die Zustandskategorie, die in der Arbeit von L.R. Sinder und T.W.
Strojewa berührt wurde, wurde in der vaterländischen Russistik betrachtet
(Winogradow, 1972, 40; 319
-
336). Bei der Aussonderung der Redeteile in der
russischen Sprache schlägt der russ
ische Gelehrte V.W. Winogradow fünf
Kriterien vor: 1) die syntaktischen Funktionen, die von verschiedenen
Kategorien von Wörtern im Redezusammenhang, in der Satzstruktur ausgeübt
werden; 2) die morphologische Struktur der Wörter und Wortformen; 3) die
lexi
kalen Bedeutungen der Wörter; 4) die Verschiedenheiten in der Art, wie die
Wirklichkeit widergespiegelt wird; 5) die Verschiedenheiten in der Natur der
grammatischen Kategorien, die mit dem betreffenden Redeteil verbunden sind
(Winogradow, 1972, 38). "Aber
einige von diesen Kriterien fallen paarweise
leicht miteinander zusammen (3 mit 4, 5 mit 2). Die Art, wie die Wirklichkeit
widergespiegelt wird, ist von der lexikalen Bedeutung nicht zu trennen, denn nur
zusammen ergeben sie den verallgemeinerten, abstrah
ierten Bedeutungsgehalt,
der so wichtig für die Aussonderung der einzelnen Wortarten ist" (Admoni,
1986, 70). Auf Grund der angeführten Kriterien stellt V.W. Winogradow vier
wichtige strukturell semantische Typen von Wörtern auf.

1. In erster Linie werde
n die W ö r t e r, d i e n e n n e n (
"
слова

-

названия
")

ausgegliedert, denen die nominative Funktion innewohnt. In Bezug auf diese
Klasse der Wörter passt der Begriff "Redeteile" insbesondere. Das sind
"lexikalische Wörter" nach A.A. Potebnja, "Vollwörter" nach F.F. Fortu
natow.

2. Den Redeteilen stehen die Partikeln der Rede gegenüber, das sind

k o p u l a t i v e W ö r t e r, D i e n s t w ö r t e r. Dieser strukturell
-
semantische
Typ der Wörter besitzt keine nominative Funktion. Sie gehören zu j
enem
Sprachbereich, der verschiedene Beziehungen
-
kausale, temporale, räumliche,
finale usw. ausdrückt.

3. Die M o d a l w ö r t e r, die den dritten strukturell
-
semantischen Typ der
Wörter ausmachen, unterscheiden sich merklich von den zwei vorangehenden

strukturell
-
semantischen Typen. Sie drücken keine Beziehungen zwischen den
Satzgliedern aus. Ebenso wie die kopulativen Wörter (Dienstwörter) besitzen sie
keine nominative Funktion. Sie drücken die Modalität, die Einschätzung der
Aussage vom Standpunkt de
s Sprechers aus.

4. Die vierte strukturell
-
semantische Typ der Wörter dient zum Ausdruck von
subjektiven emotionalen Willensäußerungen. Hierher gehören die
I n t e r j e k t i o n e n (Empfindungslaute). Sie drücken verschiedene
Emo
tionen, Stimmungen, Gefühle aus, ohne sie zu benennen (Winogradow,
1972, 31
-
32).

5. Das System der Redeteile und der Partikeln der Rede im Russischen ist von
V.W. Winogradow schematisch folgenderweise dargestellt (Winogradow, 1972,
42).


43
Kategorien der Wörter






Modal
-
Partikeln Interjek
-

wörter

der Rede

tionen








Substan
-
Nume
-
Verb Zustands
-

tiv I rale III V kategorie


VII Partikeln Konjunk
-



Kopulas tionen




Adjek
-

tiv II Überreste Ad
-
Präposi
-

der Pronomen verb VI
tionen


IV




Wie aus dem Schema zu ersehen ist, ist das System der wesentlichen
Redeteile im Russischen durch sieben Redeteile vertreten:

I.

Nomina: 1) Substantiv, 2) Adjektiv und 3) Numerale,

II.

4) Pr
onomen (in der Auflösung begriffen)

III.

5) Verb.

IV.

6) Adverb.

V.

7) Zustandskategorie.


Das System der Redeteile korreliert in der Satzstruktur mit dem System
der Partikeln der Rede:

1)

Partikeln im eigentlichen Sinne des Wortes.

2)

Kopulative Partikeln.

3)

Präpositionen.

4)

K
onjunktionen (Winogradow, 1972,43).

"Was die Modalwörter anbetrifft, so ist es V.W. Winogradow, der im
Russischen diese Wörter als einen besonderen strukturell
-
semantischen Typ
behandelt. In der traditionellen russischen Grammatik werden die
Modalwört
er außerhalb der Morphologie als
вводные слова
(Schaltwörter) betrachtet" (Gulyga, 1970, 51
-
52).

Redeteile

Nomin
a


44
Nach V.W. Winogradow gehören zu den Redeteilen weder Modalwörter
noch Interjektionen noch kopulative Wörter/Partikeln
der Rede. Der Kreis der
Redeteile beschränkt sich auf die Wörter, die eine nominative Funktion ausüben
oder als verweisende Äquivalente von Benennungen auftreten können.

Im Grunde genommen entspricht dieses System auch den Realitäten der
deutschen Sprache
. Im Deutschen lässt sich die Zustandskategorie, die im
Russischen produktiv ist, nicht aussondern. Das sind prädikativ gebrauchte
Wörter, die das wortbildende Suffix "o" besitzen, morphologisch unflektierbar
sind und unpersönlich gebraucht werden (vgl. ru
ss. nado, nužno, stydno, bol

no).
Ihrer Semantik nach drückt die Zustandskategorie einen "nicht aktiv bewirkten
Zustand" aus, der unpersönlich vorgestellt oder einer beliebigen Person
zugeschrieben werden kann, die diesem Zustand ausgesetzt wird (Winograd
ow,
1972, 321). M.D. Stepanowa und G.Helbig zählen die Zustandskategorie zu
einer der umstrittenen Klassen der deutschen Wörter, die eine kleine Gruppe der
prädikativen Adjektive im Deutschen bilden und in der Regel in Korrelation zu
Substantiven stehen (
Stepanowa, Helbig, 1978, 55) (z.B. Mir ist
angst
. Er ist
schuld
. Ihm tut es
not

(
Duden
-
Grammatik, 1962, 205). "Diese Gruppe aber ist
im Deutschen unproduktiv, so dass man sie nicht als eine besondere Wortart
betrachten kann" (Gulyga, 1970, 51).

Als Bei
spiel der Analyse der deutschen Wortarten in der vaterländischen
Germanistik möge die Klassifikation der Redeteile von E.W. Gulyga dienen,
weil sie durch die Aussonderung von vier Schichten der deutschen Sprache "eine
originelle Verallgemeinerung einzelner
Wortarten liefert" (Stepanowa, Helbig,
1978, 39).

Zur ersten Schicht gehören sechs selbständige Wortarten (an der ersten
Stelle stehen lateinische Termini, danach stehen die verbreiteten deutschen
Fachausdrücke, die den lateinischen entsprechen):

1)

Verb
-
Z
eitwort, Tätigkeitswort;

2)

Substantiv
-
Hauptwort, Dingwort, Nennwort;

3)

Adjektiv
-
Eigenschaftswort, Beiwort;

4)

Numerale
-
Zahlwort;

5)

Pronomen
-
Fürwort;

6)

Adverb
-
Umstandswort (Gulyga, 1970, 43).

Die zwei wichtigsten selbständigen Wortarten sind das Verb und da
s
Substaniv, dabei kommt dem Verb die größere Rolle zu als dem Substantiv. Im
Lateinischen bedeutet v e r b u m ganz allgemein "Wort". Die treffendste
Verdeutschung von "Verb" ist auch "Aussagewort" (Erben, 1963, 15). "Die
Gleichstellung Wort = Zeitwort =
"Aussagewort" zeigt die herrschende Stellung
des Verbs innerhalb der Wortarten und im Satz" (Jung, 1967, 176). Das Verb ist
auch zahlenmäßig die größte Wortklasse: "Der Wichtigkeit dieser Wortart
entspricht die Anzahl der zugehörigen Wörter, die schätzun
gsweise ein Viertel
des Gesamtwortschatzes ausmachen
-
noch ständig vermehrt, vor allem durch

A b l e i t u n g e n aus Nennwörtern (Substantiven)" (Erben, 1963, 16).


45
"Eine andere große Gruppe von Wörtern erfüllt eine kaum weniger
bedeutsame Funkti
on im Rahmen des Satzes" (Erben, 1963, 71). "Das Substantiv
(lat. substantivus = für sich selbst Bestand habend) ist neben dem Verb die
wichtigste Wortart. Substantive machen mehr als die Hälfte unseres
Wortschatzes aus und heißen deshalb auch "Hauptwörter
" (Jung, 1967, 256).

"Das Verb, das Substantiv und das Adjektiv erfüllen eine nominative
Funktion, d.h. sie nennen Handlungen, Gegenstände, Eigenschaften" (Gulyga,
1970, 44). O.I. Moskalskaja rechnet zu benennenden oder nominativen
Wortarten, d.h. zu dene
n, die die Erscheinungen der außersprachlichen
Wirklichkeit bezeichnen, vier Wortarten
-
Substantive, Adjektive, Adverbien,
Verben (Moskalskaja, 1983, 48).

Das Verb ist die Wortart, die Handlungen (Tätigkeiten), Vorgänge und
Zustände bezeichnet. Deswegen
unterscheidet man je nach ihrer Bedeutung
Handlungs
-
oder Tätigkeitsverben, Vorgangsverben, Zustandsverben. Man
unterscheidet nach der Aussageleistung des entsprechenden Verbtyps
Handlungssätze, Vorgangssätze, Zustandssätze.

Das Substantiv bezeichnet in er
ster Linie Dinge und Lebewesen. "Aber
auch nichtgegenständliche, bloß gedachte Erscheinungen, Eigenschaften,
Gefühle, Empfindungen, Handlungen, Zustände, Vorgänge und Beziehungen,
Zeitangaben, Wissenschaften, Künste usw. werden vom Menschen als "Dinge"
auf
gefasst und mit Hilfe des Substantivs b e n a n n t (Duden
-
Grammatik, 1962,
138), z.B. Eigenschaften "der Mut", "die Hartnäckigkeit", Gefühle
-
"die
Freude", "der Hass", Empfindungen
-
"der Schüttelfrost", "das Fieber",
Handlungen
-
"der Schlag", "der
Kampf", Zustände
-
"die Schwerelosigkeit",
"die Stille" usw.

Das Adjektiv drückt Eigenschaften aus; es ist im Deutschen nach dem
Substantiv und Verb die drittgrößte Wortart. Das Numerale drückt quantitative
Beziehungen aus, hat also zählende Bedeutung. Die
se Wortart dient als abstrakte
Bezeichnung der Zahl, die in der Wortgruppe konkretisiert werden kann. Vgl.
den Romantitel von L. Frank "Von drei Millionen drei" und "drei Freunde".

Das Pronomen übt keine nominative Funktion aus. "Das Hauptmerkmal
der Prono
men besteht darin, dass sie nicht zu den benennenden
(nominativen) Wortarten gehören, sondern v e r w e i s e n d e
Wörter sind. Sie nennen nicht die Erscheinungen der objektiven Realität,
sondern verweisen auf sie" (Moskalsk
aja, 1983, 209). E.W. Gulyga hebt den
synsemantischen, abhängigen Charakter der Pronomen hervor: "Die Pronomen
sind synsemantisch, d.h. ihre Bedeutung wird im Zusammenhang mit anderen
Wörtern, durch die Situation oder durch den nachfolgenden Kontext erschl
ossen.
Folglich ist die Bedeutung der Pronomen relativ, situationsbedingt" (Gulyga,
1970, 44).


Die Adverbien bezeichnen lokale, temporale, kausale und modale
Verhältnisse. Qualitative Adverbien nähern sich dem Adjektiv und drücken
Eigenschaften aus. "In B
ezug auf seinen Bedeutungsgehalt berührt sich also das

46
Adverb mit dem Adjektiv (beide bezeichnen Merkmale, Eigenschaften, die nur
verschieden bezogen sind), was auch eine der Vorbedingungen ihrer
morphologischen Annäherung ist" (Admoni, 1986, 207). Das gi
lt für
adjektivische (qualitative) Adverbien, für "die Adverbien, die ein gemeinsames
Grundmorphem mit den Adjektiven haben, d.h. "gleichwurzelig" mit ihnen sind"
(ebenda).



Der Weg war lang (Adjektiv)



Sie gingen lange (Adverb).


Dieser Umstand veranlas
st u.a. J. Erben vom Adjektiv und Adverb als von
charakterisierenden Beiwörtern zu sprechen: "Sie fungieren als Begleitwörter,
insbesondere des Verbs als der zentralen Bezeichnung eines Geschehens oder
Seins und des Substantivs als Bezeichnung der beteilig
ten Wesenheit" (Erben,
1963, 107).


Eine große Gruppe von Adverbien hat pronominale (verweisende)
Bedeutung und ist situationsbedingt. Ebenso wie die Pronomen weisen die
Adverbien denselben Zeigecharakter auf. Das gilt in erster Linie für
Lokaladverbien (r
äumliche Adverbien), (z.B. da, dort, hier, dorthin, daher,
hierher) und Temporaladverbien (zeitliche Adverbien), (z.B. jetzt, bald, damals,
gestern, heute, morgen usw.). "Aus diesem Grunde gehören die
Pronominaladverbien (darauf
-
worauf) zu den Pronomen.
Es gibt Adverbien, die
zur Verstärkung einer Eigenschaft dienen: sehr schön, äußerst interessant"
(Gulyga, 1970, 45).


Das zweite Merkmal, wodurch die selbständigen Wortarten charakterisiert
werden, äußert sich darin, dass sie über grammatische Kategorien
und die
Fähigkeit der Wortformveränderung verfügen. Das Verb hat im Deutschen fünf
grammatische Kategorien: die Person, die Zahl (Numerus), die Zeit (Tempus),
den Modus (Aussageweise), das Genus (Richtung der Handlung): "Alles Sein
und Geschehen, das die W
ortart Verb bezeichnet, vollzieht sich in einer
bestimmten Zeit, in einer bestimmten Verhaltensrichtung und Aussageweise und
unter dem Einfluss eines jeweiligen Geschehensträgers… Die Kennzeichnung
dieser Variationen des Seins oder Geschehens geschieht dur
ch die Abwandlung
des Verbs, die man K o n j u g a t i o n nennt" (Duden
-
Grammatik, 1962, 84
-
85).


Substantive, Adjektive, Numeralien und Pronomina sind Nomina; sie
werden dekliniert.


"Das Substantiv verfügt über folgendes System von grammatischen
Kateg
orien:

1.

Kategorie des Numerus,

2. Kategorie des Kasus,

3. Kategorie der Bestimmheit/Unbestimmtheit.

… Zu den grammatischen Kategorien des Substantivs zählt man nach alter
Tradition auch das Genus. Doch während die eigentlichen grammatischen
Kategorien des
Wortes in seiner Formveränderlichkeit und in den dadurch

47
gebildeten oppositionellen Formen ihren Ausdruck finden"…, ist das Genus
"eine Kategorie besonderer Art, und zwar eine lexikalisch
-
grammatische
klassifizierende Kategorie des Substantivs" (Moskalska
ja, 1983, 141).

Die meisten Pronomen verfügen auch über diese Kategorien, nur die
Kategorie der Bestimmtheit/Unbestimmtheit ist ihnen fremd. "Die Personal
-
und
Possessivpronomen kennen außerdem die Kategorie der Person" (Gulyga,1970,
45) (über die auch di
e überwiegende Zahl der Verben verfügt).

Das zu bestimmende Substantiv schreibt dem Adjektiv, dem
adjektivischen Pronomen und dem Ordnungszahlwort die Kategorien des
Geschlechts, der Zahl und des Kasus zu, die dem Substantiv selbst eigen sind.
Das Adjektiv
und die qualitativen Adverbien können gesteigert werden. "Durch
die Komparation unterscheidet sich das Adjektiv von den anderen Wortklassen"
(Jung, 1967, 322). "Komparation ist auch bei einer kleinen Anzahl von
Adverbien möglich; sie ist aber als isoliert
stehende Ausnahme adverbialer Form
zu betrachten" (ebenda, 326).

Eigentliche Wortarten (benennende oder nominative, verweisende und
zählende) (Autosemantika), die die erste Schicht im System der Wortarten nach
der Klassifikation von E.W. Gulyga ausmachen,
können im Gegensatz zu den
Synsemantika, die die zweite, dritte und vierte Schicht der deutschen Wortarten
bilden, auf der syntaktischen Ebene die syntaktischen Funktionen eines
Satzgliedes erfüllen.

Die Personalform des Verbs (verbum finitum) fungiert i
m Satz immer als
Prädikat. "Besonders bezeichnend für das Prädikat ist es, dass man es im
Gegensatz zu den anderen Satzgliedern mit einer Wortart, dem Verb,
gleichsetzen kann" (Jung, 1967, 33).

"Das Substantiv kann als Subjekt, Prädikativ, Objekt, Attribut
auftreten.
Es wäre richtiger, von den Funktionen der Kasus zu sprechen: der Nominativ ist
der Kasus des Subjekts und des Prädikativs, der Genitiv ist vor allem der Kasus
des Attributs (es ist ein adnominaler Kasus), der Dativ und der Akkusativ
erfüllen di
e Funktion des Objekts (es sind adverbiale Kasus). Die Kasus nehmen
folglich an der Gegenüberstellung des Substantivs und des Verbs teil" (Gulyga,
1970, 45
-
46).

Das Adjektiv wird hauptsächlich als Attribut, also als Gliedteil verwendet.
Das attributive Adj
ektiv tritt in der Regel in flektierter Form auf. Das Adjektiv
kann prädikativ gebraucht werden und auch in der Funktion des prädikativen
Attributs auftreten.

"Die Pronomen und Numeralien haben keine eigenen syntaktischen
Funktionen: sie erfüllen die Funkt
ionen des Substantivs und des Adjektivs"
(Gulyga, 1970, 46).

Was den syntaktischen Gebrauch des Adverbs anbetrifft, kann es im Satz
vorrangig als Adverbialbestimmung auftreten. In wenigen Fällen kann das
Adverb im deutschen Satz als nachgestelltes Attribut
zu einem Substantiv
auftreten, z.B. das Zimmer links. Außerdem kann das Adverb als

48
Adverbialbestimmung zu einem Adjektiv oder Adverb auftreten, um den Grad
des Merkmals zu betonen, z.B.: ziemlich grün, sehr oft.

Das nächste charakterisierende Merkmal der
selbständigen Wortarten ist
ihre Fügungspotenz (Fügungswert). Die Wortarten zeichnen sich durch
unterschiedliche Fügungspotenzen aus. "Jedem Redeteil und jeder Wortform
wohnen alle ihre Fügungspotenzen inne." … "Jeder Redeteil enthält also in sich
eine gan
ze Reihe von Fügungspotenzen, die bei seiner Einschaltung in den Satz
als Ausdruck der vom Redenden beabsichtigten Bedeutungsfüllung des Satzes
und unter dem Einfluss von Kontext und Situation zum Teil aktualisiert werden.
Diese Potenzen "schlummern" im Re
deteil und werden erst durch Berührung mit
dem konkreten Redeprozess zum Leben erweckt" (Admoni, 1986, 89). "Je nach
der Zugehörigkeit des führenden Gliedes zu einer bestimmten Wortart werden
die Wortfügungen in vier Gruppen eingeteilt: 1) substantivische,
2) verbale, 3)
adjektivische, 4) adverbiale" (Gulyga, 1971, 135). Die zwei wichtigsten davon
sind substantivische und verbale Wortfügungen. Sie werden so nach dem
entsprechenden Kernwort genannt. Ihre größere im Vergleich zu den anderen
Wortgruppen Verbre
itung ist darauf zurückzuführen, dass das Verb und das
Substantiv zu den zwei wichtigsten selbständigen Wortarten im Deutschen
gehören. Das Substantiv geht Wortfügungen mit dem Substantiv im Genitiv,
Adjektiv, Pronomen, Partizip I und II, Ordnungszahlwort
ein, z.B. der Hut des
Vaters, schneereicher Winter, sein erster glänzender Erfolg, die absolvierte
Sünde, der gestiefelte Kater.

Das Verb bildet Wortfügungen mit den Substantiven (Pronomen) im
Genitiv, Dativ und Akkusativ mit und ohne Präposition, z.B.: si
ch des Kindes
annehmen, dem Mann folgen, den Brief schreiben, sich am Wettbewerb
beteiligen, sich an die glücklichen Tage erinnern.

Einige präpositionale Wortgruppen mit dem Substantiv und die Adverbien
werden an Verben angeschlossen: an der Fakultät studi
eren, fleißig arbeiten.

Pronomen und Numeralien treten selten als Kernwörter auf, z.B.: niemand
von ihnen, zwei von uns. Zur Ermittlung der Kernwörter von Wortfügungen
kann man von der Weglassprobe (H.Glinz), Abstrichmethode (P.Grebe)
Gebrauch machen. Wir
nehmen dieses Verfahren an den oben angeführten
Beispielen vor: der Hut
des Vaters
,
schneereicher
Winter,
sein

erster

glänzender

Erfolg, die
absolvierte
Sünde, der
gestiefelte
Kater; sich
des Kindes
annehmen,
dem Mann
folgen,
den Brief
schreiben, sich
am W
ettbewerb
beteiligen, sich
an
die glücklichen Tage
erinnern;
an der Fakultät
studieren,
fleißig
arbeiten.

Die wortbildenden Affixe, in erster Linie Suffixe, können die
Zugehörigkeit eines Wortes zu einer bestimmten Wortart bezeichnen: "Das
Suffix bestimmt
die Wortart der abgeleiteten Bildung. Wir unterscheiden danach
Substantiv
-
, Adjektiv
-
, Verbal
-
und Adverbialsuffixe" (Duden
-
Grammatik, 1962,
352). So sind
-
er (und seine Varianten
-
ler,
-
ner,
-
aner),
-
el,
-
en,
-
ling,
-
in,
-
ung,
-
heit,
-
keit,
-
schaft,
-
ei,
-
chen,
-
lein,
-
tel (und seine Variante
-
stel) u.a. Merkmale
der Substantive. Die Suffixe
-
bar,
-
lich,
-
ig,
-
sam,
-
isch,
-
haft kennzeichnen

49
Adjektive und Adverbien. Das Verb wird durch das Suffix des Infinitivs
-
en
(und seine Variante
-
n) gekennzeichne
t: tadeln, springen.

Die zweite Schicht im System der Wortarten bilden die Modalwörter. Das
ist die "Wortart, die die Einschätzung des Inhalts irgendeiner syntaktischen
Beziehung von seiten des Sprechenden ausdrückt" (Admoni, 1986, 209). W.G.
Admoni rechne
t die Modalwörter ihrem Bedeutungsgehalt nach zu den
kommunikativ
-
grammatischen Kategorien. Das Modalwort bezieht sich
gewöhnlich auf den ganzen Satz, genauer gesagt, auf die Subjekt
-
Prädikat
-
Struktur: "In den meisten Fällen bedeutet die Zugehörigkeit des
Modalworts zum
Satz im Ganzen nichts anderes als eine Zugehörigkeit zur wichtigsten
syntaktischen Beziehung
-
zur prädikativen Beziehung zwischen dem Subjekt
und dem Prädikat" (Admoni, 1986, 210). Im Satz "Vielleicht kommt er heute"
bezieht sich das Moda
lwort "vielleicht" in semantisch
-
syntaktischer Hinsicht,
einerseits, auf die Gruppe "kommt er", andererseits, auf "er". Das Modalwort tritt
oft in Form eines Einwortsatzes auf: "Ein Modalwort genügt, um eine Antwort
auf eine Entscheidunsfrage zu formen: Ko
mmst du mit?
-
Vielleicht. (Auch das
"ja" als Satzäquivalent ist auf diese Weise ein Modalwort)" (Admoni, 1986,
211). In allen diesen Fällen bezeichnet das Modalwort "das Verhältnis von
Aussage und Wirklichkeit vom Standpunkt des Sprechers aus, d.h. die Mo
dalität
der Aussage und die gefühlsmäßige Stellungnahme des Sprechers zum Inhalt der
"Aussage" (Schendels, 1982, 234). Aber das ist nicht immer der Fall. Dieser
Umstand wird von W.G. Admoni ganz deutlich vor Augen geführt: "Aber die
Tatsache, dass das Moda
lwort nicht einfach zum Satz im Ganzen, sondern
eigentlich zu seiner prädikativen Beziehung gehört, wird noch dadurch
bekräftigt, dass das Modalwort zuweilen auch zu anderen syntaktischen
Beziehungen gehören kann, besonders oft zur attributiven Beziehung.

Die Frau, die neben dem Mann stand,
vielleicht
seine eigene, obwohl sie
dicker und größer war, sagte vernehmlich… (Seghers)" (Admoni, 1986, 211).
Die Modalwörter gehen selten Wortfügungen ein: höchst wahrscheinlich. Einige
von ihnen können als Kernwörter e
iner Wortgruppe nicht auftreten. Es ist
unmöglich z. B. zu sagen: *höchst vielleicht.

Die dritte Schicht im System der deutschen Wortarten nehmen in erster
Linie die Fügewörter: Präpositionen und Konjunktionen ein. "Die Präposition
drückt die Beziehung de
s Substantivs zu einem anderen Wort (Substantiv,
Adjektiv, Zahlwort, Pronomen, Verb, Adverb) aus, von welchem es syntaktisch
abhängig ist" (Admoni, 1986, 139). W.G. Admoni betont vom Standpunkt der
morphologischen Struktur aus den unveränderlichen Charakte
r der beiden
Wortarten
-
Präpositionen und Konjunktionen. Der Sprachforscher weist auch
auf die gemeinsamen grammatischen Züge der beiden Wortarten hin: " …und
vom Standpunkt des verallgemeinerten grammatischen Bedeutungsgehalts aus
hat sie (die Präposi
tion
-
W.M.) manches mit der Konjunktion gemeinsam"
(Admoni, ebenda). Bei den deutschen Präpositionen kann man zwei
Bedeutungsschichten entdecken: "Einerseits drücken die Präpositionen die

50
Beziehung zwischen irgendwelchen Gegenständen und Erscheinungen als
solche
aus. Das ist eben der allgemeine grammatische Bedeutungsgehalt der
Präpositionen. Anderseits drücken die Präpositionen auch die konkretere Art des
Verhältnisses zwischen den Gegenständen und Erscheinungen aus, bezeichnen
die lokalen, kausalen und a
nderen Formen dieses Verhältnisses. Das ist die
lexikale Bedeutung der Präposition" (Admoni, ebenda). Vgl. auch den
Standpunkt von E.W. Gulyga über die grammatische Spezifik der Fügewörter:
"Sie drücken verschiedene Verhältnisse
-
temporale, lokale, kausal
e, finale,
adversative u. a.
-
zwischen einzelnen Wörtern (Präpositionen und
Konjunktionen), Sätzen und Teilen von Sätzen (Konjunktionen) aus" (Gulyga,
1970, 48). Einige Präpositionen sind mehrdeutig, und ihre konkrete Bedeutung
ist nur der Semantik der se
lbständigen Wortarten aus dem größeren
Textzusammenhang entnehmbar, z.B. die Präposition "auf": auf dem Boden
liegen, auf den Stuhl legen
-
lokale (räumliche) Bedeutung, auf einen
Augenblick
-
temporale (zeitliche) Bedeutung, auf folgende Art, auf einen Zu
g
trinken
-
Bedeutung der Art und Weise. Aber in der Wortfügung "auf den
Freund warten" tritt "auf" als desemantisierte, "leere" Präposition auf und drückt
"nur die Tatsache der Zugehörigkeit der betreffenden Vollwörter zueinander aus,
ohne die semantisch
e Art dieser Zugehörigkeit näher zu bestimmen" (Admoni,
1986, 139). Die Eigenbedeutungen dieser Präposition treten im letzteren Beispiel
nicht in Erscheinung.

Ebenso wie Präpositionen können auch die Konjunktionen einzelne
Wörter miteinander verbinden. "Di
e durch die Konjunktionen verbundenen
Wörter sind …vorwiegend gleichwertig, weil die Verbindung von
ungleichartigen Formen des Substantivs in der Regel mit Hilfe von Präpositionen
erfolgt" (Admoni, 1986, 213). Die Konjunktionen können auch ganze Sätze
mite
inander verbinden: "Die von den Konjunktionen verbundenen Sätze können
syntaktisch gleichwertig sein oder ungleichwertig" (Admoni, ebenda).

Die Präpositionen und Konjunktionen üben keine syntaktische Funktion
aus, d.h. sie können auf der syntaktischen Eben
e als Satzglieder nicht auftreten.
Präpositionen und subordinierende (unterordnende) Konjunktionen, d.h. die
Konjunktionen, die syntaktisch ungleichwertige Sätze oder deren Teile
miteinander verbinden, geben die Unterordnung (Subordination, Hypotaxe) an.
K
oordinierende (beiordnende, nebenordnende) Konjunktionen verbinden
miteinander syntaktisch gleichwertige Sätze und Wörter, geben die Beiordnung
(Parataxe) an.

Zur dritten Schicht im System der deutschen Wortarten gehören auch die
Partikeln. "Die Partikeln
sind unflektierbare unvollwertige Wörter ebenso wie
Konjunktionen und Präpositionen" (Schendels, 1982, 243), was ein Grund dafür
ist, dass sie in einer Gruppe vereinigt werden. E.J. Schendels teilt die Partikeln
in drei Gruppen ein: 1) Partikeln mit v e r
s t ä r k e n d e r oder e i n s c h
r ä n k e n d e r Bedeutung: so, nun, zu, sogar, selbst, nur; 2) Partikeln
mit m o d a l e r und e m o t i o n a l e r Bedeutung: nur, doch, etwa, mal,

51
denn, aber, ja, gar, schon, n
ein; 3) grammatische Partikeln, von denen die
meisten vollständig desemantisiert sind: nicht, es, zu, am, aufs (Schendels, 1982,
243
-
245). E.W. Gulyga gliedert zwei Arten von Partikeln aus: modale und
grammatische, indem sie die Partikeln mit verstärkender
oder einschränkender
Bedeutung zu den modalen Partikeln rechnet: "Die modalen Partikeln verleihen
dem Satz einen emotional
-
expressiven Charakter.


Wie siehst du denn aus?


Das neue Jahr fängt ja wieder gut an.


Erklär mir mal!


Manche Partikeln erfüllen
eine verstärkende oder einschränkende
Funktion.


Sei bloß aufmerksam!


Zu den grammatischen Partikeln gehören: am, als, es, nicht, sich, wie, zu"
(Gulyga, 1970, 49).


W.G. Admoni sondert vier Klassen der Partikeln aus, wobei die ersten
drei Klassen einen
ausgesprochen emotional
-
expressiven Charakter tragen und
den modalen Partikeln nach der Klassifikation von E. W. Gulyga nahestehen.
Das sind:



1) Begrenzende und identifizierende Partikeln nur, sogar, gerade, bloß,
allein, eben, auch, selbst. 2. Verstär
kende Partikeln sehr, durchaus, zu, gar, mal,
so, ja, ganz usw. "Auch die Partikeln der 1. Klasse sind oft verstärkend. Fast
immer ist es "selbst", oft "sogar, eben, gerade". 3. Gegenüberstellend
-

verstärkende Partikeln dennoch, doch, wohl, ja, aber, zwar
, denn. Die Partikeln
dieser Klasse entwickeln eine konzessive oder adversative Bedeutung. 4.
Grammatikalisierte Partikeln: "es" als Füllung der ersten Stelle des Satzes (z.B.
in zweigliedrigen Existenzialsätzen:
Es
war einmal ein Mädchen)…, "zu" als
Infi
nitivpartikel, "am" als Superlativpartikel (Admoni, 1986, 212
-
213).


"Zu den Partikeln könnte auch der Artikel gerechnet werden, aber nur
bedingt: sowohl der bestimmte als auch der unbestimmte Artikel hat Kasus
-
und
Zahlformen" (Gulyga, 1970, 49).


Die vi
erte Schicht im System der deutschen Wortarten nehmen die
Interjektionen (Empfindungslaute) ein, zu denen auch die Schallwörter gezählt
werden. Die Interjektionen (Ausrufewörter, Empfindungswörter) nehmen eine
Sonderstellung unter den Wortarten ein. "Die I
nterjektion … gehört weder zu
den Vollwörtern noch zu den Dienstwörtern. Sie dient zum Ausdruck der
Gefühle, Empfindungen, Stimmungen, Willensäußerungen, ohne sie zu nennen"
(Schendels, 1982, 235). Die Spezifik dieser Wortart wird auch von W.G.
Admoni her
vorgehoben: "Eine besondere Stellung nehmen unter den Wortarten
die Interjektionen ein, da sie eine ganz eigenartige Bedeutung besitzen (der
Ausdruck einer Gemüts
-
oder Willensregung), die Rolle eines Satzgliedes nicht
spielen können und eine vollständige
und selbständige Äußerung bilden"
(Admoni, 1986, 73). Da die Interjektionen Gefühle und Empfindungen
ausdrücken, können sie spontan entstehen, und ihre Bedeutung ist an den

52
Redezusammenhang gebunden. Je nach der Sprechsituation und der Intonation
können s
ie verschiedene, sogar entgegengesetzte Gefühle und Empfindungen
zum Ausdruck bringen, z.B. die Interjektion "o" (bzw. "oh"): o du liebe Zeit!
(Ausruf der Bestürzung, Enttäuschung); oh, das wäre, ist ja wunderschön,
einfach fantastisch (Ausruf der Begeiste
rung).


Die Interjektionen üben nicht die nominative, sondern die emotionelle
Funktion aus.


Häufig werden auch Wörter anderer Redeteile dazu benutzt, um die
emotionelle Funktion auszuüben, d.h. sie übernehmen den Wert der
Interjektionen, z.B: zum Teufel!
Alle Achtung! So was! Gott sei Dank! Aber als
eigentliche Interjektionen werden solche Bildungen nicht betrachtet.


"Die Interjektionen sind unveränderlich. Im Satz sind sie keine
Satzglieder; sie bilden keine Wortfügungen, obwohl sie in Verbindung mit
e
inzelnen Wörtern auftreten:



Ach Unsinn! Ach du! Na warte!



Selten: Pfui über dich!


Syntaktisch haben die Interjektionen ebenso wie die Modalwörter den
Wert eines Satzes" (Gulyga, 1970, 50).


Aus dieser Übersicht geht hervor, dass sich die vaterländisc
hen und viele
ausländische Sprachforscher von einer Reihe objektiver Kriterien leiten lassen,
die dem gegenwärtigen Stand der grammatischen Theorie entsprechen.


In der Grammatikforschung, die in deutschsprachigen Ländern
durchgeführt wurde, machen sich z
wei Tendenzen geltend. Man ist bestrebt: 1)
alte grammatische Termini durch neue zu ersetzen; 2) eine neue
Systematisierung der Wortarten zu unternehmen, indem man sie vereinigt. Als
Beispiel sei "Abriss der deutschen Grammatik" von Johannes Erben angeführ
t
(1. Auflage 1958). Der Verfasser behandelt in seinem Buch die Funktion und
Form der sprachlichen Grundeinheiten (Wort und Satz) im Zusammenhang und
überwindet die herkömmliche Aufspaltung in Laut
-
, Formen
-
, Satz
-
und
Wortbildungslehre.


J. Erben untersc
heidet in seinem Buch "Abriss der deutschen Grammatik"
fünf Grund
-
Wortarten oder
-
wie er sie anders nennt
-
Funktionsgemeinschaften.
Dabei betont J. Erben, "dass sich der deutsche Satz im wesentlichen durch das
Zusammenspiel von drei "höheren", stark vert
retenen Wortarten konstituiert"
(Erben, 1963, 15). Die erste Stelle kommt bei J. Erben der Wortart "Verb", "dem
zustand
-
oder vorgangschildernden Aussagewort" zu. Der Terminus
"Aussagewort" betont die syntaktische Prägung dieser Wortart. Unter dem
Aussage
wort wird das "Verb, gemeinhin Träger der Aussage des geschilderten
Geschehens oder Seins als prädikatbildender Satzkern" verstanden. Die
zweitwichtigste Wortart ist bei J. Erben das Nennwort (Substantiv), "Benennung
der geschehenumgebenden Wesenheit, d.
h. der mit dem dargestellten Geschehen
zusammenhängenden, als beteiligt angesehenen Größen" (Erben, ebenda). Die
dritte Gruppe bildet bei J. Erben das Beiwort, "Adjektiv
-
Adverb,

53
Charakterisierung des ausgesagten Geschehens/Seins bzw. daran beteiligter
Gr
ößen" (Erben, ebenda). Das charakterisierende Beiwort (Adjektiv
-
Adverb)
ist zahlenmäßig nach dem Nenn
-
und Aussagewort die dri
ttgrößte Wortart. Es
macht im D
eutschen fast ein Sechstel des Gesamtwortschatzes aus.


Die vierte Wortart J. Erbens bilden die
Fügewörter, die die Präpositionen
und Konjunktionen (subordinierende und koordinierende) umfassen. Die hier
vereinigten Wörter bilden "eine kleine, kaum die Anzahl von 200 Wörtern
erreichende Funktionsgemeinschaft" (Erben, 1963, 124). Diese zwei Wortarten

der traditionellen Grammatik
-
Präpositionen und Konjunktionen
-
haben
gemeinsam, dass sie "als Bindeglieder" auftreten. Dabei drücken sie bestimmte
Beziehungen, "Relationen zwischen Größen, zwischen Größen und einem
Geschehen oder zwischen Gescheh
nissen
aus" (Erben, 1963, 15).


Die fünfte Klasse bilden größenbezüglichen For
mwörter mit
situationsbestimmtem
Funktionswert (die Pronomina der traditionellen
Grammatik). Die größenbezüglichen Formwörter stellen zahlenmäßig eine
geringe Gruppe dar. Sie sind "ein
e
viel
gegliederte Funktionsgemeinschaft von
nicht einmal hundert Wörtern, deren Bestand sich kaum vermehren dürfte"
(Erben, 1963, 144). Der Terminus "größenbezügliche Formwörter mit
situationsbestimmtem Funktionswert" beinhaltet, dass ihre Verwendung dort
a
ngebracht ist, "wo der Sprecher gezwungen oder gewillt ist, situationsgebotene
Wesenheiten in a l l g e m e i n e r Form… zu bezeichnen und sprachlich
einzuordnen" (Erben, 1963, 144). "…erst durch ihre Funktion, d.h. auf Größen
bezogen, erhalten diese
Formwörter einen (situations
-
) bestimmten Wert"
(Erben, ebenda).


Die Interjektionen behandelt J. Erben mit Recht als eine besondere Gruppe
im System der deutschen Wortarten: "Neben diesen 5 Grund
-
Wortarten oder


Funktionsgemeinschaften, deren Angehörigen
bestimmte Rollen im Satze
zufallen, bestehen als Sondergruppen die… A u s d r u c k w ö r t e r
(Interjektionen) und die urteilenden, Fragliches entscheidenden Antwortpartikel
n

j a und n e i n" (Erben, 1963, 15). Die beiden Sondergruppen haben
gemein
sam, dass sie keine Rolle im Rahmen des Satzes spielen: "Sie sind in
gewisser Weise satzwertig, doch nicht satzfähig" (Erben, ebenda).


J. Erbens Klassifizierung der Wortarten deckt sich in vieler Hinsicht mit
der von H. Glinz. So z.B. machen die beiden S
prachforscher keinen Unterschied
zwischen dem Adjektiv und dem Adjektiv
-
Adverb der traditionellen Grammatik.
Einerseits, tritt das charakterisierende Beiwort größencharakterisierend
(attributiv), andererseits, ein Geschehen charakterisierend (adverbial) a
uf (J.
Erben). Seinerseits rechnet H. Glinz die Adjektive und die Adjektiv
-
Adverbien
auch zu einer Gruppe, zu den "Artwörtern" nach seiner Termi
n
ologie. H. Glinz
meint: "… die Unterscheidung von unflektiertem Adjektiv und Adverb ist für
das heutige Deutsch
eine bloße Fiktion, der keinerlei sprachliche Wirklichkeit
entspricht" (Glinz, 1965, 193). E.W. Gulyga hebt hervor, dass die Tendenz,
einerse
i
ts, Adjektive und Adverbien, andererseits, Präpositionen und

54
Konjunktionen als eine Wortart zusammenzufassen, nic
ht neu ist, und übt an
diesen Auffassungen Kritik (Gulyga, 1970, 53).


Der Schweizer Linguist Hans Glinz klagt über die Mängel der
herkömmlichen Klassifikation der deutschen Wortarten, weil sie sich
f
ü
r
das
Altgriechische und das Lateinische eignet und die
Struktureigentümlichkeiten
des Deutschen außer Acht lässt. Er ist bestrebt, nach objektiven, exakten
Forschungsmethoden zu suchen, um das System der deutschen Redeteile
vollständig zu revidieren und ein neues zu schaffen. Auf der Suche nach einer
für die
deutsche Sprache passende Klassifikation der Wortarten kommt H. Glinz
zu sechs Grundklassen von Wörtern, mit denen er die Besonderheiten des
Systems der deutschen Wortarten besser zu fassen glaubte: 1. Verb (Zeitwort), 2.
Nomen (Namenwort), 3. Pronomen (A
nzeigewort), 4. Adjektiv (
Artwort), 5.
Partikel (Lagewort), 6. I
nterjektion (Ausrufswort) (Glinz, 1965, 35).


Ebenso wie bei J. Erben steht die Wortart Verb bei H. Glinz an der ersten
Stelle, der er in Übereinstimmung mit J. Erben die entscheidende Rolle
auf der
Satzebene zuschreibt. Das Verb zeichnet sich durch den größten
Formenreichtum, die finiten Formen des Verbs fungieren als Prädikat des Satzes,
sie sind nach H. Glinz das "Leitglied des Satzes" (Glinz, 1962, 97).


Zur 2. Grundklasse gehören die Nomi
na, deren Aufgabe darin besteht, den
Lebewesen oder Dingen ihren Namen zu geben. Da der Mensch die Wesen und
Dinge der Welt "im Bilde eines Lebewesens oder einer gegenständlichen
Einheit" sieht, stuft er die Wörter dieser Klasse in drei Geschlechtsreihen e
in.
Die Wortinhalte rufen eine Geschlechtsvorstellung hervor: männlich, weiblich
oder keines von beiden (sächlich). Diese Wortart ist zahlenmäßig die
ausgedehnteste, hier finden sich "die Namen alle
s
dessen, was es an Personen,
Tieren, Pflanzen, Geländefor
men, Himmelskörpern, ja ganz allgemein an
"Wesen", an "Dingen" oder "Gegenständen" überhaupt auf der Welt gibt" (Glinz,
1957, 39). Die Formenwelt des deutschen Substantivs weist in seinem Paradigma
viele Formunterschiede auf, die H. Glinz als "verwirrend u
nregelmäßig"
bezeichnet. "Im Vergleich mit dem hier herrschenden Durcheinander scheint uns
die Konjugation, obwohl auch sie alles andere als vollkommen konsequent
durchgebildet ist, geradezu ein Ideal von einem Wortformensystem zu sein"
(Glinz, 1962, 149).


Während die Nomina Lebewesen oder Dinge benennen, d.h. die
benennende Funktion ausüben, üben die Pronomina als Wörter der 3.
Grundklasse die verweisende Funktion aus. Die Wörter dieser Klasse fungieren
als "Begleiter und Stellvertreter des Substantivs".
Zur 3. Grundklasse gehören
Pronomen, Artikel und Zahlwörter der herkömmlichen Grammatik. Die
Pronomen werden auch Zeigewörter genannt. Die Bedeutung der Pronomen wird
durch den Verweis auf eine Person oder einen Gegenstand konkretisiert. Der
Artikel als B
egleiter der Substantive kann sie als Einzelwesen oder als Vertreter
einer Gattung kennzeichnen. Die Zahlwörter als Begleiter des Substantivs haben
die Fähigkeit, zwischen Einheit und Vielheit zu unterscheiden. H. Glinz

55
charakterisiert die Wörter dieser G
ruppe folgendermaßen von der funktionalen
Seite her: "Als Stellvertreter rufen sie allgemeinste Wesensbegriffe auf ("er,
jemand, etwas, nichts, man") und dazu die besondere Beziehung zum
Angesprochenen oder die Gleichsetzung mit dem Sprechenden, deren das
Nomen als solches nicht fähig ist: "Du, ich, ihr, wir" (Glinz, 1957, 41).


Das Charakteristische an den Wörtern der 4. Grundklasse ist es, dass sie
die Eigenschaft eines Wesens oder Dinges bezeichnen, den Wortinhalt als
Merkmal wiedergeben. Ebenso wie J. E
rben macht H. Glinz keinen Unterschied
zwischen dem qualitativen Adjektiv und dem Adjektiv
-
Adverb der traditionellen
Grammatik, indem er sie beide in einer Klasse zusammenfasst "Adjektiv oder
Artwort". Wenn sie die Eigenschaft eines
Wesens
oder Dinges wied
ergeben,
stehen sie in flektierter Form mit dem Substantiv. Wenn sie Merkmale der
Handlung bezeichnen,
dann stehen sie in unveränderter
Form beim Verb.


Die 5. Grundklasse der Wörter setzt sich aus den Partikeln oder
Lagewörtern nach der Klassifikation vo
n H. Glinz zusammen. Sie fassen ihre
Inhalte als "Lage, Situation in Zeit, Raum und anderen Bezugssystemen" (Glinz,
1957, 31). In dieser Grundgruppe fasst H. Glinz die reinen Adverbien, die
Konjunktionen und die Präpositionen der traditionellen Grammatik
zusammen.
Das Gemeinsame an diesen Wortarten ist es, dass sie keine Flexionen aufweisen.


H. Glinz teilt die Grundklasse der Partikeln in einige Funktionsklassen
ein:


"
Freie Fügteile
(reine beiordnende Konjunktionen, ohne eigenen
Platzanspruch): "und, od
er" und einige andere.


Spannsatzfügteile
(reine unterordnende Konjunktionen; Name wegen der
Endstellung der Personalform, die mit dem Fügteil zusammen den ganzen Satz
umspannt, "
dass
er dir gleichen
möchte
"): "dass , weil, wenn" usw.


Nennformfügteile
(In
finitivkonstruktionen): "zu, um…zu" usw.


Gliedfügteile
(unterordnende Konjunktionen, die kein Verb nach sich
haben): "wie, als" gelegentlich einige andere.



Fallfügteile
(Präpositionen): "für, in, mit, bei, zu" usw." (Glinz, 1957,
143).


Dieser
Restbest
and
des gesamten Wortschatzes kann die näheren
Umstände einer verbalen Handlung oder einer Eigenschaft angeben (Adverbien),
die zwischen Wesen oder Dingen bestehenden Verhältnisse zum Ausdruck
bringen (Präpositionen), Sätze oder deren Teile verbinden (dahe
r der Name
Konjunktionen oder Bindewörter).


Die sechste und die letzte Grundklasse setzt sich bei H. Glinz aus den
Interjektionen oder Ausrufswörtern zusammen. Nach seiner Meinung sind das
"Wörter, die gar nicht als festgelegte Teile eines Satzes oder ein
er Wortgruppe
gefasst sind, sondern für sich allein volle Ausdrücke bilden" (Glinz, 1957, 31).
Zu dieser Grundklasse werden nur
die Wörter gerechnet, die als "r
eine"
Interjektionen, als Ausrufswörter als solche auftreten, und die Wörter anderer
Wortklassen
, die zum Ausdruck von Gefühlsausbrüchen verwendet werden.


56

E.W. Gulyga meint, das
s
die von H. Glinz vorgeschlagene Klassifikation
anfechtbar ist: "Der Artikel hat keine selbständige lexikalische Bedeutung und
ist kein Satzglied. Die Adverbien unterscheide
n sich von den Fügewörtern vor
allem dadurch, dass sie die syntaktische Funktion eines Satzgliedes erfüllen"
(Gulyga, 1970, 55).


Nach der ein
gehenden Analyse der bestehenden Klassifikationen der
deutschen Wortarten und unter Berücksichtigung der dabei erz
ielten Ergebnisse
unterbreitet W. Schmidt seinen Vorschlag zur Einteilung der Wortarten im
Deutschen. "Unter Berücksichtigung der oben kritisch dargestellten
unterschiedlichen Ordnungssysteme" gliedert W. Schmidt sieben Wortarten aus:

1.

Dingwort (Substantiv
)

2.

Eigenschaftswort (Adj
e
ktiv)

3.

Zeitwort (Verb)

4.

Stellvertreter und Begleiter des Substantivs

Funktionsklassen: a) Geschlechtswort (Artikel)

b) Fürwort (Pronomen)

5.

Fügewort

Funktionsklassen: a) Verhältniswort (Pr
äposition)

b) Bindewort (Konjunktion)

6. Kennzeichnungswort

Funktionsklassen: a) Umstandswort
(Adverb)

b) Füllwort (Partikel)

7. Ausdruckswort (Inter
j
ektion)


(Schmidt, 1966, 73)




Aus der von W. Schmidt zur Diskussion unterbreiteten Klassifikation ist
zu ersehen, dass drei von diesen Wortarten durch je zwei Funktionsklassen
vertreten s
ind: die vierte besteht aus dem Geschlechtswort (Artikel) und Fürwort
(Pronomen), die fünfte aus dem Verhältniswort (Präposition) und Bindewort
(Konjunktion), die sechste aus dem Umstandswort (Adverb) und Füllwort
(Partikel).


W. Schmidt setzt sich zum Zi
el, die Einteilung der Wortarten im
Deutschen auf neuen Prinzipien aufzubauen, um die Unrichtigkeiten und
Widersprüche der traditionellen Klassifikation zu vermeiden und das Erbe der
Vergangenheit zu beseitigen. Dabei will er den Besonderheiten der deutsch
en
Sprache in gebührender Weise Rechnung tragen und aber auch an der
traditionellen Gliederung der Wortarten und an den überkommenen
grammatischen Termini festhalten. Die Grundsätze, von denen sich W. Schmidt
leiten lässt, sind folgende: "Die neue Eintei
lung der Wortarten muss erstens
wissensschaftlich richtig sein, das heißt, sie muss den strengsten Anforderungen
vom Standpunkt der Fachwissenschaft entsprechen. … Der zweite
grundsätzliche Gesichtspunkt für die neue Wortarteinteilung ist der, dass sie
e
infach und übersichtlich sein, aber dabei die Möglichkeit bieten muss, alle

57
Unterschiede, die im System unserer Sprache angelegt sind, auch zu erfassen"
(Schmidt, 1966, 72). Um den genannten Prinzipien gerecht zu werden, schlägt
W. Schmidt vor, die alte Kl
asse der Numeralien aufzulösen. "Wörter, die
Zahlenwerte ausdrücken, sind je nach ihrer begrifflich
-
kategorialen Prägung und
ihrer syntaktischen Verwendung in die entsprechende Wortart (1, 2, 4b, 6a)
einzureihen" (Schmidt, 1966, 73). Die Zahlwörter können
als Substantive,
Adjektive, Pronomina und Adverbien auftreten und stellen also eine
Pseudowortart dar. Der Verfasser meint auch, das
s die unter dem
Einfluss der
lateinischen Grammatik eingeführte und immer noch übliche Aufspaltung von
Adjektiv und Adjekti
v
-
Adverb in zwei verschiedene Wortarten aufzugeben ist.
Die Präpositionen und die Konjunktionen sieht er als Funktionsklassen der
Fügewörter und den Artikel und das Pronomen als Funktionsklassen der
Stellvertreter und Begleiter des Substantivs an. Die Inte
rjektionen werden als
eine am Rande stehende Gruppe betrachtet.


Die Verfasser der "Grundzüge der deutschen Grammatik" legen der
Einteilung der deutschen Wortarten morphologisch
-
syntaktische Kriterien zu
Grunde. Dabei "lässt sich folgende Klassifizierung d
es Wortbestandes
vornehmen (Variante A): Flektierbare (Wörter mit Flexionsformen) stehen
Unflektierbaren (Wörter
n
ohne Flexionsformen) gegenüber. …Zur
Klassifizierung der Unflektierbaren wird eine Variante B vorgeschlagen, womit
der syntaktischen Eigenwert
igkeit der Modalwörter Rechnung getragen wird"
(Grundzüge, 1981, 490
-
491). Die flektierbaren Wörter lassen sich weiter in
Konjugierbare (Wörter
, die Zeitformen erfahren) und Nichtk
onjugierbare
(Wörter ohne Tempusformen) gliedern. Die Klasse der Konjugierba
ren, d.h. die
der Wörter mit Tempusformen erfasst die Verben (lesen, stehen, können, haben,
sein, werden). Die Wortklasse der nicht konjugierbaren Flektierbaren umfasst
die Gruppe der Deklinierbaren (das sind Wörter, die Kasusformen kennen). Die
flektierba
ren Wörter werden also entweder konjugiert oder dekliniert. Die
Deklinierbaren, die artikelfähig sind und folglich einen Artikel zu sich nehmen
können, bilden die Klasse der Substantive (die Frau, das Kind, der Mond, der
Käse, der Hass). Deklinierbare Wört
er ohne Artikel, aber mit Steigerungsstufen
(komparierbare Wörter) und Kongruenz in attributiver Stellung sind Adjektive
(groß, klein, mittelmäßig, klug, anpassungsfähig). Die anderen Wörter mit
Wortformveränderung (nicht komparierbar, d.h. ohne Formen zur
Graduierung)
werden als Pronomen eingestuft (ich, wir, ihr, sie, der, die, das, mein, dein, wer,
was). "Die Unflektierbaren lassen sich auf Grund morphologischer Merkmale
nicht weiter aufgliedern, sie können jedoch mit Hilfe syntaktischer Merkmale
auf Gru
nd ihrer Rolle im Satz unterschieden werden" (Grundzüge, 1981, 490). In
diesem Zusammenhang unterscheidet man unflektierbare Wörter mit
potenziellem Satzgliedwert/Gliedteilwert und ohne ihn. Die erste
re
n werden als
Adverbien erfasst (schnell, da, dort, dar
um). Unflektierbare Wörter ohne
potenziellen Satzgliedwert bzw. Gliedteilwert werden weiter in Wörter mit
Fügteilcharakter und ohne Fügteilcharakter eingeteilt. Unflektierbare Wörter

58
ohne Satzgliedwert und ohne Fügteilcharakter bilden eine Restgruppe de
r
Partikeln (mal, ja). Unflektierbare Wörter ohne Satzgliedwert, aber mit
Fügteilcharakter werden in zwei Gruppen eingeteilt, je nachdem ob
sie einen
bestimmten Kasus ford
ern oder nicht. Die mit Fügteilcharakter und
Kasusforderung bilden die Wortklasse v
on Präpositionen (mit, nach, aus, über,
wegen), solche mit Fügtei
l
charakter, aber ohne Kasusforderung bilden die
Wortklasse von Konjunktionen (und, aber, dass, weil, nachdem). Der erste Teil
der Klassifikation der Wortarten ist damit zu Ende. In der Varian
te B wird
vorgesehen, ob Unflektierbare mit Satzwert oder ohne Satzwert auftreten:
"Unflektierbare mit Satzwert ("Satzäquivalent") und der Fähigkeit, auf
Entscheidungsfragen zu antworten, werden als Modalwörter ausgegliedert
(wahrscheinlich, selbstverständ
lich, vielleicht, möglicherweise, leider, kaum).
Unflektierbare ohne Satzwert, aber mit potenziellem Satzgliedwert/Gliedteilwert,
werden als Adverbien erfasst… (Die weitere Aufgliederung erfolgt gemäß
Variante A)" (Grundzüge, 1981, 491). Die Verfasser unte
rbreiten ein Schema zur
Ermittlung der grammatischen Wortklassen.



Wortklassen
-
Ermittlungsverfahren



"Wort"



flektierbar nicht f
lektierbar





konjugierbar nicht konjugierbar= mit Satzglied
-
/ ohne Satzglied
-
/

Verb deklinierbar Gliedteilwert Gliedteilwert


Adverb




artikelfähig nicht artikelfähig Fügteil nicht Fügte
il

Substantiv
Partikel




komparierbar nicht komparierbar mit Kasus
-
ohne Kasus
-

Adjektiv Pronomen forderung forderung


Präposition Konjunktion




Variante A




59

"Wort"


nicht flektierbar



mit Satzwert ohne Satzwert

Modalwort




mit Satzglied
-
/ ohne Satzglied
-
/

Gliedteilwert Gliedteilwert

Adverb



Fügteil nicht Fügteil

Partikel



mit Kasus
-
ohne Kasus
-


forderung forderung

Präposition Konjunktion



Variante B


Wie aus der hier vor
gelegten Wortklassengliederung ersichtlich ist, liegt
diesem System das morphologisch
-
syntaktische Prinzip zu Grunde, obwohl die
Verfasser in der Zusammenfassung auf das syntaktische Prinzip der
Wortarteinteilung größ
e
ren Wert legen. "Im Überblick ergibt s
ich folgende
Gliederung:

-

Satzgliedfähige
(Hauptwort
klassen, relativ offen): Verb, Substantiv,
Adjektiv, Pronomen, Adverb;

-

Nichtsatzgliedfähige (
Nebenwortklassen, relativ geschlossen):
(Modalwort), Präposition, Konjunktion, Partikel, (Interjektion)"
(Grundz
üge, 1981, 491).

Die Interjektionen werden in der Zusammenfassung zwar genannt, aber im
Schema nicht aufgeführt, denn sie bilden keine Wortklasse im eigentlichen Sinne
des Wortes. Ihnen sprechen die Autoren den Satzgliedwert und die
Fügteilfunktion ab: "Un
ter dieser Bezeichnung versteht man formal
unterschiedliche Ausruf
-
und Empfindungswörter, die als relativ selbständige
satzwertige Elemente nicht unmittelbar Glieder des Satzes sind und auch
keine
Fügteilfunktion haben (a
ch, pfui, ätsch, nana)" (Grundzüge
, ebenda). Hier treten
auch Artikel und Numerale als selbständige Wortklasse nicht in Erscheinung.

60
Die Verfasser geben zu, dass es ihnen dabei nicht um die vollständige
Aufgliederung des Wortbestandes auf Grund aller distinktiven Merkmale geht.
"Ebensoweni
g werden durch die eingeführten Klassifizierungsmerkmale alle
tatsächlich vorhandenen Eigenschaften der Wortarten charakterisiert, wohl aber
die wesentlichen unterscheidenden Merkmale" (Grundzüge, 1981, 492).

Diese Klassifikation der Wortarten und die von
E.W. Gulyga
vorgeschlagene weisen viele gemeinsame Züge auf.






Der Austausch zwischen den Wortarten


Obwohl die Wortarten ein System darstellen, geschieht es unter
Umständen, dass ein Wort aus einer Wortart in die andere übergeht. "Der ewige
Fl
uss, in dem die Sprache begriffen ist, zeigt sich nicht nur im Laut
-
und
Bedeutungswandel, sondern auch in Verschiebungen unter den Wortarten. Diese
sind keine feststehenden, geschlossenen Kategorien", meint W. Jung (Jung,
1967, 173). Denselben Gedanken heb
t auch die Duden
-
Grammatik hervor: "Die
Wortarten sind weder streng voneinander geschieden noch einheitlich in sich
gestaltet". Aus diesem Grunde "kann ein ständiger Wechsel zwischen den
Wortarten stattfinden" (Duden
-
Grammatik, 1962, 80). Diesem Prozess de
s
Übergangs aus einer Wortart in die andere ohne jegliche Wortbildungsmittel sind
sowohl Vollwörter (selbständige Redeteile) als auch Hilfswörter (Dienstwörter,
Funktionswörter, unselbständige Redeteile) unterworfen. Die Transposition
"geschieht unter den
Autosemantika, unter den Synsemantika wie auch zwischen
beiden Klassen" (Schendels, 1982, 13). "Dabei verändern sich: 1) die
Allgemeinbedeutung; 2) die grammatischen Kategorien; 3) die syntaktische
Funktion; 4) die Fügungspotenz" (Gulyga, 1970, 57). Mit Au
snahme der
wortbildenden Affixe werden hier alle kategorial
-
grammatischen Merkmale
aufgeführt, die nach E.W. Gulyga für die Charakteristik der Wortarten dienen
(Gulyga, 1970, 43).

In erster Linie verändert sich die Allgemeinbedeutung. Jedes Wort kann
subst
antiviert werden: "Am leichtesten erfolgt die S u b s t a n t i v i e r u n g, die
darin besteht, dass ein Wort einer beliebigen Wortart in ein Substantiv
verwandelt wird. In diesem Fall erhält es einen Artikel
-
ein Zeichen des neuen
Ranges
"
(Schendels, 1
982, 13). Das ist darauf zurückzuführen, dass die
Substantivierungen die Kategorie des Geschlechts bekommen, der das
semantische Prinzip zu Grunde liegt. Substantivierte Adjektive und Partizipien
sind Maskulina oder Feminina, je nachdem ob sie die Lebewes
en männlichen
oder weiblichen Geschlechts bezeichnen. Falls sie abstrakte allgemeine Begriffe
oder konkrete Gegenstände bezeichnen, sind sie Neutra.


61

"Ich….ich, der Fremde…ich zitterte seit zwei Ta
gen vor jener
Stunde …ich, der F
remde, lebte ihre Angst, ih
r Entsetzen mit allen
Exzessen des Gefühls mit…" (Zweig, 183).



Die Kauernde auf der Schulter öffnete die moosgrünen Augen, als
sie da
s Klappern eines Wagens vernahm
(Frank, 13).


"Ich spürte, wie das Dämonische ihres Willens in mich eindrang,
aber ich w
ehrte mich mit all meiner Erbitterung" (Zweig, 171).



"…sie reizte alles Gedrückte, alles Versteckte, alles Böse in mir
zur Gegenwehr" (Zweig, 172).


Die substantivierten Adjektive und Partizipien zur Bezeichnung von
konkreten Gegenständen kommen sel
ten
er
vor: das Grün, ein Helles, das
Gebackene (vgl. das
Gebäck), das Eingemachte. Die s
ubstantivierten
Grundzahlwörter sind weiblichen Geschlechts, z.B. die Eins, die Zwei, weil ihre
Bezeichnung auf "die Ziffer, die Zahl" zurückgeht.

Georg auf der Plattf
orm der Drei dachte: "Wäre es nicht besser gewesen
zu F
u
ß? (
Seghers, 231), weil hier die Straße
nbahn Linie 3 gemeint ist. Es heißt
"der Zwanzigste des Monats", weil der entsprechende Monatstag gemeint wird,
"in die Sechziger kommen", weil diesem Ausdruck d
ie Pluralform "Jahre" zu
Grunde liegt.

"Außerdem gibt es Gruppen von Wörtern aus anderen Wortarten, die von
Zahlwörtern abge
leitet
sind und zum Ausdruck des Zahlbegriffs dienen"
(Schendels, 1982, 228). In erster Linie werden die Bruchzahlen gemeint, die i
n
substantivierter Form zu den Neutra gehören. Bekanntlich werden sie von den
Kardinalzahlwörtern mit dem Suffix
-
tel bzw.
-
stel, das auf das Substantiv
"Teil" zurückgeht, abgeleitet. "Er erntet, ein Drittel von dem, was er müsste"
(Strittmatter
, 16
). V
om gegenwärtigen Standpunkt der deutschen Sprache aus
muss das Numerale "
das
Hundert" nicht als Substantivierung, sondern als reines
Substantiv angesehen werden. (Eine entgegengesetzte Meinung siehe bei W.
Jung (Jung, 1967, 173).

Alle substantivierten Infi
nitive sind Neutra: das Wandern, das
Versprechen, das Lächeln, das Lachen, das Schweigen, das Essen usw.:

… das rastlos kreisende Wandern auf dem Engpass des Decks, …, tat

mir irgendwie weh (Zweig, 152).

"Und dann wieder ganz leise, so wie
eine Maus knabbert, ein leises,

aber heftiges Pochen…" (Zweig, 190).

Zusammengesetzte Substantive mit dem Infinitiv als Grundwort sind
ebenfalls Neutra:

Ein Wutzittern packt ihn (Strittmatter, 17).



62
… sonderbare Menschen können mi
ch… zu einer L
eidenschaft des
Erkennenwollens entzünden, die nicht viel geringer ist als jene des
Besitzenwollens bei einer Frau (Zweig, 157).


… nur in mir war nicht dies weiche, flutende, träumerische
Gewiegtsein wie gestern (Zweig, 157).


Dies
elbe Regel gilt auch für die Ableitungen mit dem substantivierten
Infinitiv:


Ich kann nicht sagen, wie seltsam und schaurig das war, dies
stumme Nebeneinandersitzen im Dunkeln…(Zweig, 155).


Zu den Neutra gehören auch Zusammenrückungen, die ihre lexikalis
che
Selbständigkeit bewahren und grammatisch gesehen, meistens Wortformen mit
dem Imperativ sind. Der ganze Wortkomplex kann dabei umgedeutet werden:
das Stelldichein, das Vergissmeinnicht, das Tischlein
-
deck
-
dich, das
Einmaleins.


"Wenn du das Tischl
ein
-
deck
-
dich und den Goldesel nicht wieder
herausgibs
t, so soll der Tanz von neuem an
gehen!" (Grimm, 31).


"Substantivierte Gruppen mit dem Infinitiv als Leitglied sind ebenfalls
Neutra" (Schendels, 1982, 131).

Ich beobachte
diese Erscheinung allgemein an der
heutigen Jugend, dieses Sich
-
gehen
-
und Sich
-
treiben
-
Lassen, diese
vagen, unausgegorenen Ideen, hinter denen weder Taten
noch Ziele stehen (Danella, 122).

"Alle substa
ntivierten unflektierten Wortarten (Adverbien, Interjektionen,
Präpositionen, Konjunktionen), Fragewörter, Pronomen sowie die Benennungen
von Lauten, Buchstaben und Noten sind Neutra" (Schendels, 1982, 131).


… von oben
hör
te man unaufhörlich das schlurfe
n
de Hin und Her der

Schritte vom Promenadendeck (Zweig,152).



"…aber er…sieht nicht mehr nach recht
s
, sieht nicht nach links, rennt

nur… in dieses entsetzliche Geradeaus…" (Zweig, 179).



…im Auf und Nie
der schaukelte mich die ungeh
eu
re Wiege des Schiffes

über die Zeit hinaus (Zweig, 155).



…durch das Dunkel fühlte ich ein Irgen
d
etwas von Angst und


Bedrücktheit in der Art seines Schrittes (Zweig, 156)






Zum Dank pinselte er mit der Schwanzspitze zuerst ein schwarzes S in


63
das Gesicht der Knienden und eines an die geweißte Wand (Frank, 14).


Jede substantivierte Wortart kann ebenso wie das Substantiv als Kernwort
einer Wortfügung auftreten:
"das scharfe Lachen der Frauen" (Zweig, 153), das
Wort "arbeitslos" mit einem einfachen und mit einem Doppel
-
O schreiben
(Strittmatter, 12).


Die Veränderung der Allgemeinbedeutung beim Übergang einer Wortart
in die andere, u.a. bei der Substantivierung d
er Adjektive, Partizipien,
Numeralien, Infinitive, der unflektierten Wortarten äußert sich folglich in der
Verdinglichung der Begriffe, die das Wesen der zu substantivierenden Wortarten
konstituieren.


Bei der Adjektivierung der Partizipie
n lässt sich eine
bestimmte
Grad
uierung des Bedeutungswandels feststellen. Bei der Isolierung der
Bedeutung gehen die Bedeutungen des ursprünglichen Verbs, von dem das
Partizip gebildet ist, und des adjektivierten Partizips stark auseinander: schicken
-
geschickt, besitzen

-
besessen, reizen
-
reizend, gereizt, bilden
-
gebildet usw.


"Sie war verletzt und halb verblutet unter der verbrecherisch

ungeschickten Hand…" (Zweig, 191)



Die zwe
ite Stufe lässt eine teilweise
Veränderung der
Allgemeinbedeutung zu, so das
s sich die lexikalische Bedeutung der beiden
Wortarten ziemlich leicht aufstellen lässt: die schwindelnde Höhe, die fahrende
Habe, die melkende Kuh (vgl. die noch nicht gemolkene Kuh), ein studierter
Mann.


Die dritte Stufe lässt sich durch einen sehr ger
ingen Bedeutungswandel
charakterisieren: eine zugeknöpfte Person.


Ebenso wie die "reinen" Adjektive können die adjektivierten Partizipien
sowohl die attributive als auch die prädikative Funktion ausüben:


"Mein verpfuschtes Leben kann mir keiner mehr zus
ammenflicken…

(Zweig, 203) (vgl.
-
mein Leben ist verpfuscht).



"Mein entschlossener Ton reizte ihn nur noch mehr auf" (Zweig, 197)

(vgl.
-
mein Ton war entschlossen).



Seine Augen waren erschrocken (Zweig, 199).



Außer der
Isolierung der Bedeutung findet oft
auch
die Verengung der
Bedeutung statt. "
Verengung der Bedeutung
entsteht als Ergebnis der
semantischen Entwicklung eines Wortes vom Allgemeinen zum Einzelnen, vom
Abstrakten zum Konkreten. …Die Verengung des Bedeutun
gsumfangs führt
auch die Begrenztheit des Gebrauchsgebiets des Wortes mit sich" (Iskos,
Lenkowa, 1960, 139). Die Erscheinung lässt sich u.a. bei der Bezeichnung der

64
Sprachen in ihrer zeitlichen oder räumlichen Charakteristik beobachten. Die
Sprachbezeichnu
ngen sind Neutra.


Im Laufe der Zeit ist das Friesische immer mehr von den benachbarten

f
ränkischen und sächsischen Mundarten aufgesogen, teilweise

auch durch das Dänische zurückgedrängt (Paul, 1958, 85).


Das Niedersächsische
umfasst jetzt ein sehr großes Gebiet (Paul, 1958, 87).



Das Fränkische ist durch die Lautverschiebung in verschiedene Teile

auseinandergerissen (Paul, 1958, 90).



Verschiedene Wortarten können zu den Adverbien übertreten, es findet
der Prozes
s der sogenann
ten Adverbialisierung statt, z.B
. morgen, heim, teils,
abends, weg usw.


Er ist nicht oft daheim (Strittmatter,

13).


Der Infinitiv als "der reine Ausdruck des Verbalbegriff
e
s", als "die Form,
die das gekennzeichnete Sein oder Geschehen nur i
n seiner unbestimmten
Ausdehnung benennt" (Duden
-
Grammatik, 1962, 132) kann also auch
substantiviert werden.


Bei der Substantivierung des Infinitivs bleibt die Bedeutung der verbalen
Handlung in ihrer unbestimmten Ausdehnung ohne Bezug auf Person, Zahl,
A
ussageweise und Zeit als "der reine Ausdruck des Ve
rbalbegriffe
s", d.h. die
Allgemeinbedeutung des infiniten Verbs, erhalten.


Im März des Jahres 1912 ereignete sich im Hafen von Neapel beim
Ausladen eines großen Überseedampfers ein merkwürdiger Unfall… (Z
weig,
151).


Das Nachschreiben fällt Anton schwer, schwerer als das Nachsägen von

krummen Linien eines Holzhauerblaustiftes (Strittmatter, 13).



Der substantivierte Infinitiv, der zum Ausdruck der verbalen Handlung in
ihrer Prozessualitä
t dient, kennt nur die Einzahlform. Wenn substantivierte
Infinitive Gegenstandsbegriffe geworden sind, werden sie in den Plural gesetzt.
Nur in diesem Fall wird die Allgemeinbedeutung der Handlung, die den Verben
eigen ist, durch die Allgemeinbedeutung der
Gegenständlichkeit, die den
Substantiven eigen ist, ersetzt. Die Allgemeinbedeutung verändert sich nur bei
den substantivierten Infinitiven, die schon nicht den Prozess, sondern das
Resultat der verbalen Handlung bezeichnen.


"Sie wollen doch nicht etwa s
agen, …dass ich.. hier ein Verbrechen

decken soll?"

…"Für Ihr Verbrechen soll ich…"

… "Sie hat ihr Vergehen…gebüßt…" (Zweig, 197)

"…mir liegt einzig daran, mein Versprechen einzulösen" (Zweig, 198).


65


Das "reine" S
ubstantiv als Gegenstandsbegriff kann sich vom
entsprechenden substantivierten Infinitiv durch seine morphologische
Gestaltung, u.a. durch das grammatische Geschlecht unterscheiden. Vgl.
einerseits "das Husten", andererseits "der Husten":


Ein leises, t
rockenes Husten hart neben mir ließ mich auffahren (Zweig,

155);

Der Husten erschütterte seinen ganzen Körper (Klappenbach
-
Steinitz,

1920).


Das Substantiv als Gegenstandsbegriff unterscheidet sich von
substantivierten I
nfinitiven auch durch sein syntaktisches Benehmen, indem es
im Rahmen der Konstruktion "Akkusativ des Inhalts" den verbalen Begriff
genauer wiedergeben kann. Den substantivierten Infinitiven ist diese
Gebrauchsweise fremd. "Manche Fügungen scheinen tautol
ogisch zu sein, doch
wird diese Tautologie durch das adjektivische Attribut aufgehoben" (Schendels,
1982, 157).



"…da… lachte sie plötzlich…ein helles, unbesorgtes, herzliches

Lachen…"(Zweig, 186).


Substantivierte Infinitive als Vorgangsbegri
ffe unterscheiden sich
manchmal leicht von den entsprechenden Substantiven, die Gegenstandsbegriffe
sind. Die ersteren haben immer nur das neutrale Geschlecht, während die
letzteren männlichen Geschlechts und vom Stamm des Verbs abgeleitet sind: das
Ziehen

-
der Zug, das Streiten
-
der Streit, das Atmen
-
der Atem u.a.m.


"…so stark war dieses geheimnisvolle Ziehen in meinen Nerven.

…Sie lächelte, aber doch, mir war, als hätte ihr Gesicht einen

gespannten Zug" (Zweig, 183).


…das
polternde Streiten zweier nachbarlicher holländischer Offiziere

ärgerte
nicht
mehr (Zweig, 153).

… ich…wusste nicht, ob dies Atmen mein eigenes war… (Zweig, 155).


"Ich hielt den Atem an…" (Zweig, 190).

Vgl. das Wortpaar "das Schämen
-
die Scham": "…das Schämen habe ich
verlernt…"
-
"da gibt es keine Scham, kein Verstecken…" (Zweig, 161).

Vgl. auch das Substantivpaar "das Schwatzen
-
das Geschwätz", das zu
Neutra gehört und dessen zweites Glied im Grunde genommen einen
Sammelbegriff
ausdrückt:

"Mit der Maxime haben Sie mich ja glücklich zum Schwatzen gebracht"
(Zweig, 203).

"…ich habe… meinen braven Browning…der hilft schließlich besser als
alles Geschwätz…" (Zweig, 204).

Auf diese Weise kann man eine ganze thematische Reihe gleichwur
zeliger
Substantive aufstellen: das Träumen
-
der Traum
-
die Träumerei:

Nun, nun zum erstenmal,…, überkam mich die heilige Lust des

Träumens…(Zweig,
154
).


66
… ich hatte an einen Traum geglaubt oder an eine phantastische
Erscheinung… (Zweig, 204).

Ich schrak auf aus meiner fast schon trunkenen Träumerei (Zweig, 155).

Der resultative Charakter der verbalen Handlung lässt sich in einigen
Fällen dank den synonymischen Beziehungen vollziehen:

"Dann na
hm ich den Brief, schellte einem
Boy und hieß ihn da
s Schreiben

überbringen" (Zweig, 188).

"Beim Übergang der selbständigen Wortarten in Dienstwörter geht die
Allgemeinbedeutung der Gegenständlichkeit, der Handlung, der Eigenschaft
verloren. Die Präpositionen und Konjunktionen, die aus Substantiven und
Ver
ben entstanden sind, drücken wie alle anderen Präpositionen und
Konjunktionen Beziehungen aus: laut, kraft, trotz, während, weil" (Gulyga,
1970, 57). (Siehe auch: Jung, 1967, 214
-
215).

Beim Übergang einer Wortart in die andere verändern sich die
grammati
schen Kategorien der Wortart (des Redeteils), die im Prozess des
Übertritts begriffen ist. Sie übernimmt dann alle oder die meisten Charakteristika
der aufnehmenden Wortart. Wie wir festgestellt haben, erhalten alle
Substantivierungen
-
sei es substantivie
rte Vollwörter, sei es substantivierte
Dienstwörter
-
die Kategorie des Geschlechts. Die substantivierten Wortarten
bekommen auch die Kategorie des Kasus und gehören einer der drei
Deklinationsarten an. Die zählbaren Substantivierungen kennen sowohl Einzah
l
-

als auch Mehrzahlformen. Vgl. aber: das Gestern, das Heute, das Morgen.

Beispiele für die Deklination:

…alles Dumpfe in mir war plötzlich aufgehellt (Zweig, 154).

… weil er sich zur Nachtzeit während des Kohlenladens und der Löschung

der Fracht ab
spielte… (Zweig, 151).

…von Licht, das… aus einem geheimnisvollen Innen zu brennen schien

(Zweig, 153).

…und sah hinab, wie der Bug in das Schwarze stieß…(Zweig, 154).

Beispiele für den Singular
-
und Pluralgebrauch:

Außer den Freunden des Versto
rbenen sind viele Neugierige gekommen

(Strittmatter, 24).

"Pfui!" riefen die Organisierten (Mann, 376).


Nicht alle grammatischen Merkmale der aufnehmenden Wortart treten bei
der Wortart, die im Prozess des Übertritts begriffen ist, in Erscheinung. Für d
ie
substantivierten Adjektive und Partizipien ist z.B. je nach der syntaktischen
Umgebung die starke (pronominale) Deklination, die schwache (nominale)
Deklination oder gemischtes Paradigma charakteristisch, d.h. die substantivierten
Adjektive und Partizip
ien unterliegen den dem Adjektiv eigenen
Deklinationsregeln. Außerdem behalten sie auch die Kategorie der Komparation
(Steigerung).

Der Alte war außer sich (Mann, 330).


67
"… und ein Kranker ist
immer lächerlich für die ander
n…"(Zweig, 159).

Die Zeilen in ein
em Buch zerrannen vor den flüchtigen Schatten der

Vorüberplaudernden (Zweig, 152).

Das Sinnlose, das Stupide
-
das Sinnloseste, das Stupideste:

"…warten Sie… Sie werden sonst das Sinnlose, das Stupide meiner Tat

nicht verstehen…" (Zweig, 185).

"Es war…S
ie werden es verstehen…das Sinnloseste, das Stupideste, was

ich tun konnte…" (Zweig, 179).

"Der Dümmere ist der Klügere", schloss sie herausfordernd…(Mann,

290).


Am Beispiel der adjektivierten Partizipien kann man sehen, wie sie ihre
verbalen Kategor
ien einbüßen und leicht zusammengesetzte Wörter mit einem
Nomen als erste Komponente bilden, was den verbalen Partizipien fremd ist:

Schweißtriefend kam ich auf der Station an… (Zweig, 177).

"Sie sind menschenentwöhnt, Doktor, und das wird schließlich eine


Krankheit" (Zweig, 182).

Die adjektivierten Partizipien können gesteigert werden:

"Lieber, lieber Georg! Wir waren alle verrückt und der Wallau war am

verrücktesten" (Seghers, 227).

Beim Austausch zwischen den Wortarten verändert sich auch die
syntakt
ische Funktion. Substantivierte Wortarten übernehmen die syntaktischen
Funktionen des Substantivs: sie können z.B: als Subjekt, Objekt, Attribut,
Prädikatsnomen, Adverbialbestimmung auftreten:

Das Schweigen war unerträglich (Zweig, 156).

"Schaum tritt dem
Laufenden vor die Lippen, er heult wie ein

Rasender…" (Zweig, 178
-
179).

Mir graute vor dieser stumpfen, verbissenen Art des Wiederholens

(Zweig, 159).

"…bei dem gewaltsamen Zerre
n hat sich die Speiche verbogen…"


(Zweig, 177).

"Die adjektivierten Par
tizipien unterscheiden sich in syntaktischer
Hinsicht von den Adjektiven nicht; sie können sogar als Prädikatsnomen
gebraucht werden" (Schendels, 1982, 116). Sie können paralell verwendet
werden:


"Ich kann nicht hin, der Raum ist versperrt… (Zweig, 203).


…dies Schweigen war schwül und drückend wie die tropische Luft

(Zweig, 156).


Beim Übergang einer Wortart in die andere verändert sich auch die
Fügungspotenz der zum anderen Redeteil übergetretenen Wörter. Die
Substantivierungen erlangen die
Kombinierbarkeit eines Substantivs:


"…kein Verführer, kein Hochmütiger…nein, ein halbes Kind, ein reines


68
zärtliches Wesen, dem sie sich geschenkt (Zweig, 200).


Wegen seines nominalen Charakters kann das substantivierte Partizip
ebenso wie da
s"reine" Substantiv ein Adejktiv in der attributiven Funktion bei
sich haben:


…du bist ja ein halber Gelehrter (Klappenbach, Steinitz, 1968, 1517)


-
"ein älterer Offizier hatte sie aufgefordert…" (Zweig, 183).


"Eine besondere Fügung
spotenz haben substantivierte Adjektive mit abstrakter
Bedeutung: nichts Besonderes, etwas Verlockendes, alles Gute" (Gulyga, 1970,
60).


…denn alles Dumpfe in mir war plötzlich aufgehellt (Zweig, 154).
Vgl. auch den Romantitel von E.M. Remarque " Im West
en nichts Neues".


…dass der Heeresbericht sich nur auf den Satz beschränkte, im
Westen sei nichts Neues zu melden (Remarque, 204).


Manchmal kommt es zur Herausbildung von synonymischen und
homonymischen Beziehungen zwischen dem Substantiv und dem
substan
tivierten Adjektiv. Die Wörter "die Helle" und "das Helle" z.B. weisen in
einem Teil ihres Bedeutungsumfangs die Synonymität auf: "
ясность
"
,
"
светлое
"
,
"
свет
".


…aber irgedeine andere gelbe Helle zitterte schon unsicher in der

Luft…(Zweig, 195).

…drang mir mit einem Male magische Helle in die Augen (Zweig,

153).

…als wären die sprühenden Sterne nur Luken und Ritzen, durch die

jenes unbeschreiblich Helle vorglänzte (Zweig, 153).


In der semantischen Struktur der beiden Wörter gibt es auch
un
terschiedliche Bedeutungen: die Helle "рассвет", das Helle: ein Helles
-

"кружка светлого пива". Manchmal kommt es auch zur Entstehung vom
paronymischen Paaren. "…die Wörter, die eine paronymische Reihe bilden,
können synonymische Bedeutungen haben"
(Лингвистический
энциклопедический словарь, 1990, 368), z.B. das Substantiv "das Dunkel" und
das substantivierte Adjektiv "das Dunkle":

"Gute Nacht", antwortete aus dem Dunkel eine heisere, harte,

eingerostete Stimme" (Zweig, 156).

Wieder blinkert im
Dunkel das gefüllte Glas (Zweig, 168).

Im Dunkeln war mir das Gesicht mit einem Male fratzenhaft

nah…(Zweig, 192).


Als Mittel der Verstärkung kann das prädikative Attribut das
gleichwurzelige Substantiv begleiten:

…nur den Umriss einer Gestalt sah ic
h, dunkel ins Dunkel


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gedrückt…(Zweig, 156).


Diese Fügung scheint tautologisch zu sein, doch gewinnt sie durch diese
Tautologie einen expressiven Charakter.

Ungeachtet aller formalen Unterschiede, die zwischen dem Substantiv und
Adjektiv bestehen, kann d
as Adjektiv frei die Funktionen des Substantivs zuerst
okkasionell und dann usuell übernehmen (
Пауль
, 1960, 419
).

Usuelle (ständige) Substantivierungen gehören der Sprache an und sind
ohne Kontext verständlich. Einige usuelle Substantivierungen machen eine
n
festen Bestandteil des Wortschatzes aus und werden vo
m Standpunkt der
deutschen Gegen
wartssprache als richtige Substantive empfunden. Solche
Wörter wie der Junge (ein Junge), der Greis, der Jünger, der Oberst haben sich
voll und ganz in Substantive verwa
ndelt. Noch älter sind ihrem Ursprung nach
solche Wörter wie der Feind, der Freund, der Heiland, der Fürst (die alte Form
des Superlativs), der Herr (die alte Form des Komparativs vom Adjektiv "hehr"),
der Mensch (das Adjektiv "mennisch" vom Substantiv "ma
n") sowie die Neutra
Gut, Übel, Recht, Leid, Wild (
Пауль, 1960, 420). Wie f
ür richtige Substantive
ist für usuelle (ständige) Substantivierungen die substantivische Deklination
kennzeichnend. Das gilt auch für substantivierte Infinitive, die richtige
Subs
tantive geworden sind.

…woher ist in solch einem niederenWesen mit einem Male so viel

Wissen…? (Zweig, 200).


"Ich spürte nicht mehr sie, sondern nur das Leben, das sich gegen

den Tod wehrte, den Menschen, der sich krümmte in mörderischer

Qual…(Zweig,
191).



Ich hielt mein Versprechen… (Zweig, 157).


Okkasionelle (gelegentliche) Substantivierungen gehören der Rede an,
und man braucht einen größeren Textzusammenhang, um ihre Bedeutung
erschließen zu können, z.B. der, die Unbekannte, der, die L
esende, der, die
Schlafende.

…da der Hinterlistige ja nicht den alten Apfelbaum meinte,
sondern…" (gemeint wird "der Teufel") (Frank, 11).

Die Mutter stellte … den Teller für die Schwarze…(Frank, 13)
(gemeint wird "die Katze").

Bei diesem Punkt verließ Heu
teufel mit den Seinen das Lokal
(Mann, 355) (gemeint werden "seine Gleichgesinnten").


Da die Grenze zwischen den usuellen und okkasionellen
Substantivierungen ziemlich fließend ist, kann man wohl zu den gemischten
Fällen die Wörter rechnen, die Familienan
gehörige oder ähnliches bezeichnen:

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der Ältere (Sohn), die Jüngste (Tochter), der, die Verlobte und unter Umständen
auch die Seinen (die Seinigen), die Meinen (die Meinigen) usw.


Der Alte ließ auf einmal den Kopf fallen… Die Seinen schrien auf.
Vom Entset
zen gedämpft, rief die Frau des Ältesten: "Er hat etwas
gesehen!" (Mann, 441).


Zur Herausbildung von homonymischen Beziehungen kom
mt es nicht nur
im Bereich des Substantivs und der Substantivierung (des substantivierten
Adjektivs). "Unter den usuellen und okkasionellen Substantivierungen
entwickelt sich auch eine Homonymie" (Gulyga, 1970, 61).

So bezeichnet z.B. das Adjektiv "gelb"
"Farbe des Sonnenspektrums
zwischen Orange und Grün"; "Menschen von gelber Hautfarbe" (Klappenbach,
Steinitz, 1968, 1511) sind Vertreter der mongolischen Rasse ebenso wie
Menschen von weißer Hautfarbe Angehörige der europäischen Rasse sind.


"Wirklich, es
waren meine schönsten Augenblicke, wenn so ein

gelber Bursch kam, blauweiß vor Schrecken.." (Zweig, 172).

"…die zittern ja vor Ehrfurcht, wenn ein Weißer, ein "Herr", sie

nimmt…" (Zweig, 173).


"Gelb" ist auch eine a
ttributive Komponente der Wortf
ügung "die gelbe
Gewerkschaft" als "Bezeichnung für eine Organisation, die Ende des 19.
Jahrhunderts von Unternehmern gebildet und finanziert wurde…
Scheingewerkschaft" (Klappenbach, Steinitz, 1968, 1512). Die entsprechende
usuelle Substantivierung ist i
n beiden Verwendungsweisen "der Gelbe".

Die okkasionelle Substantivierung "der Gelbe" ist eine Einmalbildung
einzelner Schriftsteller.

War es möglich? Noch zwei hohe Generale!




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